Warum Union Berlin gerade eine neue Zuschauerdimension im Frauenfußball erreicht

Ein Freitagabend im Januar im Stadion An der Alten Försterei. Minus sieben Grad, Dauerfrost, dazu dieser trockene Ostwind, der durch die Wuhlheide zieht und jede Bewegung ein wenig unangenehmer macht. Einer dieser Berliner Winterabende, an denen man sich kurz fragt, ob ein Stadionbesuch wirklich eine gute Idee ist.
An diesem Abend, am 23. Januar, spielte Union gegen Bayer Leverkusen. Ein normales Ligaspiel – und trotzdem kamen mehr als 6.000 Menschen in die Alte Försterei.
Solche Abende erzählen oft mehr über einen Standort als jede Rekordkulisse. Sie zeigen, dass hier nicht nur ein Ereignis besucht wird, sondern eine Mannschaft. Dass Menschen auch dann kommen, wenn das Wetter dagegen spricht, wenn die Anstoßzeiten wechseln und wenn es sportlich nicht um eine Entscheidung geht.
Anders als noch in der 2. Liga mit ihren meist festen Sonntagsterminen wechseln in der Bundesliga ständig Wochentage und Anstoßzeiten – Freitagabend, Samstag, Sonntag oder Montagabend. Gelegentlich kommen sogar zusätzliche Spieltage mitten in der Woche hinzu.
Gerade diese Winterspiele erklären vielleicht am besten, was sich in den letzten Jahren rund um den Frauenfußball bei Union entwickelt hat: ein Publikum, das nicht nur zu besonderen Anlässen erscheint, sondern konstant kommt.
Und genau aus dieser Konstanz entsteht plötzlich eine Zahl, über die man vor ein paar Jahren noch nicht einmal nachgedacht hätte.
100.000.
Der aktuelle Stand dieser Saison
Im Moment stehen die Union-Frauen bei rund 72.000 Besuchern in dieser Bundesliga-Saison. Drei Heimspiele bleiben.
Die Marke ist zwar noch nicht erreicht, aber sie ist greifbar – und allein diese Tatsache sagt bereits viel darüber aus, was an diesem Standort gerade passiert.

Ein Blick auf die aktuelle Saison zeigt, wie außergewöhnlich diese Zahlen bereits sind. Bayern München liegt derzeit noch knapp vor Union Berlin. Beide Vereine haben nach zehn Heimspielen Zuschauerzahlen erreicht, die es in der Geschichte der Frauen-Bundesliga so noch nie gegeben hat.
Gleichzeitig zeigt die Tabelle auch, wie groß der Abstand zum Rest der Liga inzwischen geworden ist. Während viele Standorte sich im Bereich zwischen etwa 1.000 und 4.000 Besuchern pro Spiel bewegen, haben sich in dieser Saison zwei Vereine deutlich nach oben abgesetzt.
Noch führt Bayern diese Statistik. Doch der Blick auf den Spielplan zeigt bereits, wie sich diese Saison wahrscheinlich weiterentwickeln wird. Bayern trägt seine verbleibenden Heimspiele am Campus vor rund 2.500 Menschen aus. Union spielt weiterhin in der Alten Försterei – vor deutlich größeren Kulissen.
Rein rechnerisch ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass Union die Saison als zuschauerstärkster Standort der Liga beenden wird.
Doch selbst dieser Vergleich erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Auch im europäischen Vergleich bemerkenswert
Die Entwicklung in Köpenick lässt sich inzwischen längst nicht mehr nur innerhalb Deutschlands betrachten.
Auch im europäischen Vergleich gehört Union inzwischen zu den Standorten mit den größten Zuschauerzahlen im Frauenfußball.
In Spanien liegt der FC Barcelona nach elf Heimspielen aktuell bei einem Schnitt von 6.854 Besuchern und insgesamt 75.397 Menschen im Stadion. Barcelona zählt seit Jahren zum sportlichen Spitzenmaß im europäischen Frauenfußball, Spielerinnen wie Aitana Bonmatí gehören zu den größten Stars der Welt.
Und doch führt diese Statistik zu einer fast paradoxen Beobachtung:
Aktuell kommen in der Alten Försterei mehr Menschen pro Spiel, um Spielerinnen wie Lisa Heiseler oder Dina Orschmann zu sehen, als in Barcelona, um der dreifachen Ballon-d’Or-Gewinnerin Aitana Bonmatí zuzuschauen.
In England liegen lediglich zwei Vereine deutlich darüber. Arsenal erreicht in dieser Saison einen Schnitt von 36.836 Besuchern pro Spiel, Chelsea liegt bei 9.806.
Alles deutet deshalb darauf hin, dass Union Berlin diese Saison im europäischen Vergleich mit dem drittgrößten Zuschauerschnitt beenden könnte.
Bemerkenswert ist dabei vor allem eines: Diese Entwicklung beginnt nicht erst mit der Bundesliga. Schon in der Zweitliga-Saison zuvor besuchten insgesamt 93.464 Menschen die Heimspiele der Union-Frauen in der Alten Försterei.
Und selbst außerhalb des Ligabetriebs zeigt sich diese Entwicklung. Beim Testspiel gegen Real Madrid im August 2025 kamen 13.312 Zuschauer in die Alte Försterei – eine Kulisse, die im Frauenfußball selbst für internationale Topspiele außergewöhnlich wäre – für ein Testspiel nahezu einmalig.
Was hier entsteht, wirkt deshalb weniger wie ein statistischer Ausreißer einer einzelnen Saison – sondern eher wie eine Zuschauerbasis, die sich aufgebaut hat und weiter wächst.
Warum die Marke von 100.000 eine Schallmauer wäre
Zahlen im Sport sind normalerweise schnell erklärt. Tabellenplätze, Punkte, Tore. Aber manche Zahlen entwickeln eine Bedeutung, die über Statistik hinausgeht.
100.000 wäre genau so eine Zahl.
Sie wäre nicht nur ein neuer Rekord der Frauen-Bundesliga – sie wäre eine Schallmauer, die bislang noch kein deutscher Verein durchbrochen hat.

Ein Blick auf die bisherigen Rekordzahlen zeigt, wie ungewöhnlich die aktuelle Entwicklung ist. Selbst die größten Zuschauer-Saisons der Liga bewegten sich bislang in einem Bereich von etwa 60.000 und 65.000 Menschen insgesamt.
Schon diese Zahlen galten lange als außergewöhnlich.
Dass Union bereits nach zehn Heimspielen auf über 72.000 Besucher kommt, verdeutlicht die Dimension dieser Saison.
Und auch, obwohl die Liga in dieser Spielzeit von zwölf auf vierzehn Teams erweitert wurde und dadurch zwei zusätzliche Heimspiele entstanden sind. Selbst wenn man diesen Effekt berücksichtigt, bleibt die Größenordnung außergewöhnlich.
Eine sechsstellige Saisonzahl würde diesen Rahmen deutlich überschreiten. Sie wäre nicht einfach nur ein neuer Rekord.
Sie würde den Maßstab verschieben.
Natürlich wird auch diese Marke nicht für die Ewigkeit bestehen bleiben. Vielleicht werden in einigen Jahren ganz andere Zahlen diskutiert. Aber jede Entwicklung hat ihre ersten sichtbaren Marken.
Die Marke von 100.000 wäre genau so ein Moment. Ein Moment, an dem sichtbar wird, dass der Frauenfußball eine neue Dimension erreicht hat.
Warum diese Entwicklung kein Zufall ist
Dabei kommt diese Entwicklung nicht aus dem Nichts.
Der Frauenfußball bei Union ist heute ein selbstverständlicher Teil des Vereins. Vom Präsidium bis in die Fanblöcke hinein wird die Mannschaft nicht als Nebenprodukt betrachtet, sondern als integraler Bestandteil dieses Vereins.
Und er funktioniert auch deshalb, weil sich rund um diese Mannschaft eine Fanbasis aufgebaut hat, die weiter wächst.
Menschen, die nicht nur kommen, wenn ein besonderes Ereignis ansteht – sondern auch an einem Freitagabend bei minus sieben Grad.
Wenn neue Idole entstehen
Man merkt diese Entwicklung inzwischen auch auf den Rängen.
Zwischen den bekannten Gesichtern der Union-Fans stehen immer häufiger junge Mädchen mit Trikots und Schals. Sie singen die Lieder des Vereins, warten nach dem Spiel auf Autogramme und verfolgen jede Bewegung ihrer Lieblingsspielerinnen.
Für viele von ihnen sind diese Spielerinnen längst mehr als nur Teil einer Mannschaft – sie sind Idole.
Und vielleicht liegt genau darin eine der stillen Veränderungen, die der Frauenfußball im Verein auslöst.
Bei Union gab es immer Spieler, an denen sich Generationen von Fans orientiert haben. Spieler wie Olaf Seier, später Torsten Mattuschka, und bis heute Christopher Trimmel.
Heute entstehen solche Bindungen auch zu Spielerinnen.
Zu Lisa Heiseler, Dina Orschmann, Tanja Pawollek, Naika Reissner oder Tomke Schneider – und zu vielen anderen Spielerinnen dieses Teams.
Und für viele dieser Kinder wird genau daraus etwas entstehen, das im Fußball oft über Jahrzehnte trägt: eine erste Erinnerung an den Verein, eine erste Verbindung zu einer Mannschaft, ein erstes Idol.
Diese Kinder erleben Union nicht über einen abgetrennten Familienblock oder über ein spezielles Rahmenprogramm. Sie stehen auf den Rängen, so wie Generationen von Union-Fans vor ihnen gestanden haben.
Sie wachsen einfach in diese Fankultur hinein. Und damit verschiebt sich keine Fankultur – sie wird größer.
Der Moment, der vieles sichtbar machte
Vielleicht war es genau deshalb auch kein Zufall, dass im vergangenen Frühjahr beim Meisterschaftsspiel in der 2. Frauen-Bundesliga gegen Gütersloh plötzlich mehr als 20.000 Menschen in der Alten Försterei waren.
Natürlich war das kein gewöhnliches Ligaspiel. Es ging um die Meisterschaft der 2. Liga. Jeder wusste, dass Union an diesem Tag den Titel perfekt machen konnte – mit Meisterschale, Medaillen und Konfetti.
Aber dieses Spiel zeigte noch etwas anderes.
Es zeigte, dass der Frauenfußball bei Union längst das Potenzial hat, große Stadienkulissen zu tragen. Dass es jetzt schon möglich ist, die Alte Försterei auch für die Frauen fast bis auf den letzten Platz zu füllen.
Und genau deshalb ist diese Saison keine Überraschung mehr. Sie ist eine Fortsetzung.
Jetzt beginnt der Schlussspurt
Jetzt beginnt die Phase der Saison, in der sich solche Entwicklungen oft noch einmal verstärken.
Der lange Winter liegt hinter uns. Die Temperaturen steigen, die Tage werden länger, und ein Stadionbesuch fühlt sich plötzlich wieder mehr nach einem Ausflug an als nach einem kleinen Kampf gegen das Wetter.
Drei Heimspiele bleiben:
Werder Bremen, Bayern München und die TSG Hoffenheim kommen noch nach Köpenick.
Rein rechnerisch ist die Marke erreichbar. Würde Union in zwei der verbleibenden Spiele ungefähr den bisherigen Zuschauerschnitt halten, bräuchte es für eines der Spiele noch einmal eine größere Kulisse – ein Spiel, bei dem vielleicht mehr als 14.000 oder 15.000 Menschen in die Alte Försterei kommen.
Und plötzlich wirkt eine Zahl wie 100.000 nicht mehr wie eine ferne Rekordmarke, sondern wie eine reale Möglichkeit.
Vielleicht entscheidet sich alles an einem Frühlingstag
Vielleicht entscheidet sich diese Saison am Ende in einem ganz einfachen Moment.
Ein Frühlingstag in Köpenick. Vor den Toren der Alten Försterei stehen Familien, Kinder mit Schals, Menschen, die zum ersten Mal hier sind – und andere, die längst dazugehören.
Auf dem Platz läuft sich die Mannschaft warm, auf den Rängen füllt sich langsam das Stadion.
72.000 Menschen waren in dieser Saison schon hier.
Drei Heimspiele bleiben noch.
Und vielleicht passiert einfach weiter das, was hier seit Monaten passiert.
Menschen kommen ins Stadion. Nicht wegen einer Rekordzahl, sondern wegen dieser Mannschaft.
Und irgendwann steht dann vielleicht einfach eine Zahl auf der Anzeigetafel.
100.000
PK
TICKETS
Karten für das nächste Heimspiel gibt es hier:

Mehr als nur Zuschauerzahlen
Warum Union Berlin auch strukturell neue Maßstäbe im Frauenfußball setzt, habe ich hier analysiert:
Weitere Analysen und Hintergründe zum Frauen-Team des 1. FC Union Berlin findest du regelmäßig auf meinem Blog „Die Schlosserinnen“.






