Was tun, wenn der Gegner dir außen den Ball gibt?
Eine Analyse zum Spiel Union-Leverkusen

Dieser Freitagabend hatte etwas Unwirkliches: Vorfreude nach langer Winterpause, Geburtstagsspieltag und eisige Temperaturen, minus vier Grad, und eine Alte Försterei, die erstmal schwieg. Vierzehn Minuten Fanprotest gegen Montagsspiele – und dann begann ein Spiel, das weniger durch Chaos entschieden wurde, sondern durch Struktur.
Aber warum?
Schon früh konnte man erkennen, dass Leverkusen im Pressing einen klaren Plan hatte: Union lenken, zwar Räume anbieten, aber die nächsten Schritte eng machen.
Der Aufbau über die Innenverteidigung wirkte dabei oft stabil, auch Pawollek auf der 6 war anspielbar – aber gerade über außen entstanden immer wieder Unsicherheiten, kleine Fehler, abgebrochene Anschlussaktionen.
Und deshalb lohnt sich hier ein genauerer Blick: nicht nur auf die Szenen selbst, sondern auf das Muster dahinter.
Warum Unions Spielaufbau gegen Leverkusen nie ganz frei wurde
Es ist immer ein bisschen zu einfach, ein Spiel erst ab der 75. Minute zu erzählen. Klar: Da kippt die Partie, da fallen die Gegentore, da kommt das Drama, dass man eigentlich nicht haben wollte. Aber wenn man Union gegen Leverkusen wirklich verstehen will, dann liegt der Kern nicht nur in der Schlussphase – sondern viel früher. Eigentlich schon in den ersten Minuten.
Denn dieses Spiel hatte von Beginn an ein klares Muster. Leverkusen lief Union im Aufbau nicht mit wildem Vollgas an, sondern mit einem Plan. Schon nach wenigen Minuten war spürbar: Hier geht es nicht darum, Chaos zu erzeugen, sondern Union in bestimmte Räume zu lenken.
Und spätestens nach einer Viertelstunde hatte man das Gefühl: Leverkusen weiß genau, was sie Union anbieten wollen.
Nämlich: „Geht ruhig außen entlang.“
Das klingt erstmal großzügig. Außenverteidigerinnen frei lassen – das ist ja normalerweise eine Einladung. Aber genau dort lag Unions größtes Problem an diesem Tag.
Leverkusens Pressing: ein klares Muster mit einer einfachen Frage
Union spielte in der ersten Halbzeit im Aufbau ein 4-1-4-1. Leverkusen presste in einem kompakten 2-3-Block. Die zwei vordersten Spielerinnen standen so, dass Union im Aufbau kaum Zeit am Ball bekam – die Innenverteidigerinnen waren sofort unter Druck und mussten schnell lösen.
Dahinter stand eine Dreierreihe, die das Zentrum wie ein Gitter schloss: Die mittlere Spielerin orientierte sich früh an Pawollek, die beiden äußeren besetzten die Halbräume, also genau die Passwege, über die Union normalerweise ins Mittelfeld weiterkommt.
Das hatte einen klaren Effekt: Union durfte den Ball hinten haben, Union durfte auch ungestört sogar den ersten Pass spielen – aber Leverkusen wollte verhindern, dass daraus ein sauberer Anschluss entsteht. Pawollek sollte nicht frei aufdrehen, die Achterinnen sollten keine einfachen Zwischenräume finden.
Und dann kommt der eigentliche Trick: Außen war scheinbar Platz. Die Außenverteidigerinnen waren oft die offene Station. Aber genau das war Teil des Plans. Leverkusen hat Union nicht „aus Versehen“ nach außen gelassen – sie wollten, dass Union dort aufbauen muss.
Denn außen, nah an der Linie, gibt es weniger Raum, weniger Optionen, weniger Winkel. Wenn der zweite Kontakt nicht perfekt sitzt, wird aus dem freien Pass sofort ein Problem.
Genau deshalb wirkte dieses Pressing so unangenehm: nicht spektakulär, aber präzise. Es hat Union nicht komplett erstickt – es hat Union dahin gelenkt, wo Leverkusen sie haben wollte.

Union findet das Zentrum – aber außen wird es unruhig
Union hat grundsätzlich drei Wege ausprobiert, um aus diesem Druck herauszukommen. Der lange Ball war einer davon, aber nicht der dominierende.
In den ersten 23 Minuten gab es siebzehn klare Aufbauaktionen – nur vier davon wurden direkt lang gespielt. Union wollte es spielerisch lösen.
Und in der Mitte gab es dafür auch eine gute Basis. Die Innenverteidigerinnen machten ihren Job ordentlich, und vor allem: Tanja Pawollek auf der 6 wurde immer mehr zu der Stelle, an der der Aufbau zusammenlief.
Sie war anspielbar, sie ließ klatschen, sie gab dem Spiel eine gewisse Ruhe. Man konnte richtig sehen, wie Union sich an dieser Stabilität festhielt. Wenn außen nichts sauber weiterlief, ging es zurück ins Zentrum. Pawollek als Wand, als Zwischenstation, als Idee.
Und Pawollek hatte auch diese Momente, wo man dachte: starke Lösungsidee. Schnittstellenpässe, Versuche, Tempo nach vorne zu bringen, Tiefe zu finden. Nicht alles perfekt, mal einen Tick zu kurz, mal ein bisschen zu steil – aber der Gedanke war genau richtig.
Das Problem war nur: Sobald der Ball raus auf die Flügel ging, wurde es unruhig.
Links über Ida Heikkinen gab es ganz am Anfang zwei Aktionen in der sechsten und siebten Minute, beide endeten in unsauberen Pässen. Danach dauerte es lange, bis Union überhaupt wieder mal über links aufbaute.
Erst in Minute 22 kam eine Szene, in der Ida unter Druck ruhig blieb, kurz Richtung Zentrum dribbelte – und dann eine richtig gute Verlagerung auf rechts spielte. Dann ging es schnell, vertikal nach vorne, und plötzlich war Union am gegnerischen Strafraum.
Rechts war es ähnlich – vielleicht sogar noch deutlicher. Anna Weiß hatte defensiv durchaus ihre Momente, sie gewann beide Bodenzweikämpfe, war präsent.
Aber im Aufbau spiegelte sich die Unsicherheit in der Statistik: 22 Pässe in 45 Minuten, nur 12 angekommen – eine Passquote von 55 Prozent.
Das ist für eine Außenverteidigerin, die eigentlich der freie Ausgang aus dem Pressing sein soll, einfach zu wenig.
Und das ist auch kein Vorwurf. Es ist eher ein Hinweis darauf, wie brutal anspruchsvoll diese Rolle ist, wenn der Gegner genau diese Seite bewusst offen lässt.
Du bekommst den Ball nicht, weil du so frei bist – du bekommst ihn, weil der Gegner will, dass du ihn bekommst. Und dann musst du im nächsten Moment die Lösung haben.
So entwickelte sich Anfangs eine Partie in der Union spielbestimmend war und immer wieder Lösungen im Aufbauspiel suchte, aber grade wenn man von hinten aufbauen musste, zu selten fand. Gefährlich wurde es vor allem, wenn das eigene Pressing Leverkusen zu Fehlern zwang.
Und auch Leverkusen hatte im Spielaufbau ihre Probleme, kam aber Mitte der 1. Halbzeit immer besser rein.
Minute 33: Amber rettet – und der ballferne Raum steht offen
Mitten in dieser Phase gab es eine Szene, die wie ein Warnsignal wirkte. Minute 33.
Leverkusen arbeitet sich über ihre linke Seite nach vorne, Ball für Ball, immer ein kleines Stück weiter. Union ist ballnah gebunden: Pawollek, Weidauer auf der rechten Acht, Amber Tysiak, Anna Weiß – alle sind in diesem Cluster. Die rechte Seite ist voll.
Und ballfern öffnet sich ein riesiger Raum.
Hinten sichern nur noch Steuerwald und Heikkinen, und im Rückraum steht plötzlich Grant völlig frei. Dina Orschmann auf links und Lisa Heiseler als zweite Achterin sind weit weg.
Grant kann annehmen. Grant kann schießen. Unbedrängt.
Und dann passiert das, was Amber Tysiak an diesem Tag so wertvoll machte: Sie läuft diesen Ball in letzter Sekunde zu, blockt den Abschluss, rettet Union eine Großchance. Ecke.
Die Zahlen unterstreichen das. Amber kam am Ende auf sieben Torverhinderungen, Samantha Steuerwald auf sechs. Union musste in der letzten Linie enorm viel wegverteidigen.
Halbzeitwechsel rechts: Toni stabil am Ball – aber die Rolle bleibt anspruchsvoll
Zur Halbzeit reagierte Union. Anna Weiß ging raus, Toni Halverkamps kam auf die Rechtsverteidigerposition.
Und sofort war da etwas anderes am Ball. Halverkamps spielte 31 von 35 Pässen an (89 Prozent), bereitete zwei Chancen vor, war eingebunden. Das zeigt: Die technische Lösung war da.
Aber gleichzeitig verschob sich die Frage. Denn Halverkamps ist vom Profil her eigentlich eine Spielerin mit offensivem Blick. Auf Rechtsverteidigung geht es aber um etwas anderes: Vororientierung, Timing, diese kleinen Situationen im eigenen Drittel, in denen ein versprungener Ball plötzlich ein Risiko wird.
Und genau so entsteht später auch das Gegentor: eine Flanke, ein unsauberer Kontakt, der den Ball erst richtig heiß macht, eine offene 50:50-Situation zwischen Nele Bauereisen und ihrer Gegenspielerin, ein Freistoß – und Fudalla trifft.
Auch links wird es schwieriger: Ida unter wachsender Belastung
Was in der zweiten Halbzeit zusätzlich auffiel: Auch auf der linken Seite wurde es für Union zunehmend schwieriger. Bei Ida Heikkinen hatte man das Gefühl, dass die Belastung im Spielverlauf spürbar zunahm.
Gerade nach der Pause gab es mehrere Situationen – noch vor dem Dreifachwechsel in der 67. Minute –, in denen Räume defensiv nicht ganz sauber gelesen wurden: Bälle wurden anders eingeschätzt, Laufwege wirkten einen Moment zu spät, und Leverkusen fand über diese Seite häufiger Anschluss.
Das ist weniger ein individuelles „Problem“, sondern eher ein Hinweis darauf, wie brutal anspruchsvoll diese Position in so einem Spiel ist. Ida war in der ersten Halbzeit ballfern oft fast allein für große Räume zuständig, musste viel absichern, ständig verschieben.
Wenn dann in der zweiten Halbzeit die Aktionen schneller werden, reichen kleine Unsicherheiten in der Raumorientierung, um gefährliche Situationen entstehen zu lassen.
Schlussgedanke: Rollen, nicht nur Wechsel
Wenn man dieses Spiel auf eine zentrale Erkenntnis herunterbrechen will, dann ist es vielleicht diese: Spielerinnen funktionieren am besten dort, wo ihre Stärken wirklich liegen.
Leverkusen hat Union im Aufbau bewusst etwas angeboten. Die Außenverteidigerinnen waren oft frei, sie waren die scheinbar einfache Lösung im Pressingmuster. Aber genau dort lag auch die größte Unsicherheit: Anschlussaktionen wurden unsauber, Kontakte sprangen weg, Entscheidungen kamen unter Druck nicht sauber genug.
Und wenn man merkt, dass genau dieser Raum – den der Gegner einem gibt – plötzlich zur Schwachstelle wird, dann reicht es manchmal nicht, einfach nur die nächste Spielerin hineinzuschieben.
Denn Toni Halverkamps hat am Ball vieles gut gemacht, ihre Passquote war stark. Aber auch bei ihr wurde sichtbar, wie anspruchsvoll diese Rolle ist, wenn sie nicht die natürliche Position ist. Es geht eben nicht nur um Technik, sondern um Timing, Antizipation, defensive Gewohnheiten.
Und genau deshalb wäre vielleicht eine strukturelle Reaktion spannender gewesen als eine rein personelle: eine Umstellung, die das System so verändert, dass Spielerinnen wieder näher an ihren Stärken agieren können – statt Rollen immer weiter zu verschieben.
Eine Dreierkette hätte zum Beispiel nicht automatisch alles gelöst. Aber sie hätte die Aufbaustruktur verändert, zusätzliche Passwinkel geschaffen, die Außen anders entlastet und Union vielleicht stärker in die Rollen gebracht, in denen das Team am sichersten ist.
Nicht als Patentlösung – sondern als mögliche Antwort auf die zentrale Frage dieses Spiels:
Was tun, wenn der Gegner dir außen den Ball gibt… und genau dort beginnt dein Problem?
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Überblick über die Passquoten jeder Spielerin:
sortiert nach Quote
Antonia-Johanna Halverkamps – 31/35 (89%)
Jenny Hipp – 10/12 (83%)
Amber Tysiak – 31/38 (82%)
Tanja Pawollek – 23/28 (82%)
Dina Orschmann – 13/16 (81%)
Lisa Heiseler – 8/10 (80%)
Ida Heikkinen – 20/26 (77%)
Hannah Eurlings – 10/13 (77%)
Eileen Campbell – 16/21 (76%)
Sophie Weidauer – 22/30 (73%)
Cara Bösl – 22/30 (73%)
Samantha Steuerwald – 27/38 (71%)
Lia Kamber – 4/6 (67%)
Nele Bauereisen – 5/9 (56%)
Anna Weiß – 12/22 (55%)
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PK





