RB Leipzig gegen den 1. FC Union Berlin – warum der Rahmen am Cottaweg dem Spiel nicht gerecht wurde.
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1.358 Zuschauer sahen am Samstag das Bundesligaspiel zwischen RB Leipzig und dem 1. FC Union Berlin im Leipziger Trainingszentrum am Cottaweg.
Schätzungsweise 500 bis 600 davon kamen aus Berlin – fast die Hälfte des Stadions bestand also aus Gästefans.
Am Ende stand ein 2:2 zwischen RB Leipzig und dem 1. FC Union Berlin auf der Anzeigetafel. Nach der frühen Führung durch Sophie Weidauer drehte Leipzig die Partie noch vor der Pause, ehe Samantha Steuerwald kurz nach Wiederbeginn ausglich.
Doch dieses Spiel erzählte an diesem Nachmittag noch eine andere Geschichte.
Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich mich normalerweise ausführlich mit dem Spiel selbst beschäftige – mit Abläufen auf dem Platz, mit taktischen Details und mit den Leistungen der Spielerinnen.
Doch an diesem Nachmittag drängte sich ein anderes Thema in den Vordergrund.
Selbst wenn man das Spiel im Nachhinein taktisch genauer analysieren möchte, stößt man schnell an Grenzen. Die Infrastruktur eines Spielortes beeinflusst nicht nur das Stadionerlebnis, sondern auch die Wahrnehmung eines Spiels.
Genau über diese Bühne müssen wir an diesem Nachmittag sprechen.
Bekannte Gesichter – 200 Kilometer entfernt

Die rund 200 Kilometer zwischen der Alten Försterei und Leipzig sind für ein Auswärtsspiel im deutschen Fußball keine außergewöhnliche Entfernung. Und doch hatte dieser Nachmittag etwas Bemerkenswertes: Überall tauchten bekannte Gesichter auf. Menschen, denen man inzwischen regelmäßig bei den Spielen der Union-Frauen begegnet.
Man grüßt sich, bleibt kurz stehen, tauscht ein paar Worte aus.
Dass man sich so weit entfernt von Köpenick in dieser enormen Zahl wieder begegnet, zeigt, wie stark die Fanbase rund um die Frauenmannschaft in den vergangenen Jahren gewachsen ist.
Nach allem, was rund um das Spiel zu hören war, dürften es sogar mehr Union-Fans gewesen sein als beim Auswärtsspiel in Jena. Vieles spricht deshalb dafür, dass Leipzig den bislang größten Auswärtssupport der Union-Frauen außerhalb Berlins erlebt hat.
Gleichzeitig könnte diese Marke in dieser Saison noch einmal fallen – etwa bei den Spielen in Hamburg oder Wolfsburg. Zwei Stadien, die sich für Auswärtsfahrten besonders anbieten und deutlich bessere Bedingungen bieten als der Cottaweg.
In Leipzig zeigte sich an diesem Nachmittag allerdings schnell, wie begrenzt die Möglichkeiten am Cottaweg sind. Schon bei dieser Kulisse wirkte das Stadion erstaunlich nah an seiner Belastungsgrenze. Gespielt wurde im Trainingszentrum von RB Leipzig, einer Spielstätte mit offiziell rund 2.000 Plätzen.
Die Tribüne am Cottaweg besteht eigentlich aus fünf Reihen. An diesem Nachmittag waren es sechs.
Die zusätzliche Reihe entstand nicht aus Beton – sondern aus Menschen, die im Gang stehen mussten, weil es keinen Platz mehr gab.
Wenn Aufmerksamkeit auf eine Infrastruktur trifft, die dafür nicht gebaut ist

Die Anlage am Cottaweg wirkt auf den ersten Blick durchaus modern. Die Tribüne wurde 2016 gebaut, die Wege sind ordentlich angelegt, und auch rund um Imbiss und Toiletten funktioniert vieles für eine Anlage dieser Größe problemlos.
Doch genau darin liegt das eigentliche Problem dieses Nachmittags: Nicht der Zustand der Infrastruktur – sondern ihre Dimension.
Schon lange vor dem Anpfiff zeigte sich, dass dieser Ort auf eine größere Öffentlichkeit kaum vorbereitet ist. Die Tribüne füllte sich schnell. Als die vorgesehenen Plätze besetzt waren, entstand kurzerhand eine zusätzliche Reihe im Gang – nicht organisiert vom Verein, sondern aus der Situation heraus, weil Fans schlicht keinen Platz mehr fanden.
Es war kein chaotischer Moment. Die Atmosphäre blieb friedlich. Doch die Szene erzählte viel über die Struktur dieses Nachmittags.
Orientierung gab es kaum. Keine klar erkennbare Fantrennung, keine erkennbare Organisation, die den Besucherstrom lenkte.
Die Situation erinnerte ein wenig an einen überbuchten Flug: Alle haben zwar ein Ticket – aber längst nicht jeder einen Platz.
Im Frauenfußball ist eine solche Durchmischung grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil sie gehört grundsätzlich zur Kultur im Frauenfußball, dass Fans verschiedener Vereine nebeneinander stehen oder sitzen konnten – eine Offenheit, die viele Anhänger bis heute schätzen.
Doch diese Offenheit funktionierte vor allem in Zeiten geringerer Aufmerksamkeit. Sobald mehrere hundert lautstarke Auswärtsfans auf eine Infrastruktur treffen, die dafür nicht ausgelegt ist, entsteht eine andere Dynamik.
Viele Union-Fans wollten selbstverständlich gemeinsam stehen, gemeinsam singen und ihre Mannschaft unterstützen. Als die vorgesehenen Bereiche voll waren, wurde kurzerhand der nächste Block mit genutzt. Dazwischen saßen Leipziger Zuschauer, die eigentlich ihre Plätze behalten wollten.
Es blieb alles ruhig und respektvoll. Trotzdem entstand eine merkwürdige Situation: Leipziger Stammzuschauer saßen plötzlich mitten in einem lautstarken Union-Block, während rundherum über weite Teile des Spiels gesungen und angefeuert wurde.
Leipziger Stimmen im Union-Block
Für Union-Fans spielte das kaum eine Rolle. Sie waren gekommen, um ihre Mannschaft zu unterstützen – laut und geschlossen, so wie man es aus Köpenick kennt.
Für manche Leipziger Zuschauer dagegen musste sich der eigene Platz plötzlich fremd anfühlen.
Eine der kuriosesten Szenen dieses Nachmittags entstand aus genau dieser Mischung. Unter den Union-Fans standen auch andere Leipziger – Fans, die sonst zu anderen Leipziger Vereinen gehen. Einer von ihnen erzählte, dass er normalerweise Spiele von Lok Leipzig besucht, aber für die Atmosphäre und die Fankultur von Union gerne hier lautstark und mit Schal im Block steht.
Als später der Schlachtruf
„Wir sind eure Hauptstadt, ihr Bauern“
durch den Block hallte und einige Leipziger Stimmen diesen Ruf im sächsischen Dialekt mitsangen, klang das für Berliner Ohren zunächst fast surreal – und zugleich erstaunlich sympathisch.
Ein Auswärtsspiel, das keines war
Wer auf die Tribüne blickte, konnte schnell den Eindruck bekommen, hier spiele Union zu Hause. Der lauteste Support kam praktisch durchgehend aus dem Berliner Block – vor dem Spiel, während der Partie und auch danach.
Nur in den ersten 15 Minuten, als die Union-Fans ihren angekündigten Stimmungsboykottumsetzten, waren vereinzelt auch Leipziger Stimmen im Stadion zu hören.
Insgesamt waren 1.358 Zuschauer im Stadion – fast die Hälfte davon kam aus Berlin.
Überträgt man dieses Verhältnis auf den Männerfußball, entspräche das einer Situation, in der ein Heimspiel in der Alten Försterei plötzlich von rund 10.000 Gästefans geprägt wäre.
Ein Fakt, der in der Berichterstattung über den Männerfußball wochenlang heiß diskutiert würde. Medien und Fans in ganz Deutschland würden darüber sprechen – weil ein solcher Gästefananteil praktisch undenkbar wäre.
Und doch ist genau das hier passiert.
Union hat den Cottaweg an diesem Nachmittag akustisch übernommen und dieses Auswärtsspiel wie ein Heimspiel wirken lassen.
Wenn Kameraperspektiven Analyse verhindern
Die TV-Bilder, die vom Spiel am Cottaweg übertragen werden, lassen eine saubere taktische Analyse nur sehr eingeschränkt zu. Die Kamera steht so niedrig am Spielfeldrand, dass sie fast auf Augenhöhe der Spielerinnen filmt. Statt eines Überblicks über das gesamte Spielfeld sieht man häufig nur den unmittelbaren Ballraum.
Im professionellen Fußball – egal ob Männer- oder Frauenwettbewerbe auf höherem Produktionsniveau – werden Spiele normalerweise aus einer erhöhten, zentralen Perspektive gefilmt. Diese Höhe ermöglicht den Blick auf die gesamte Spielfeldstruktur: Abstände zwischen den Linien, Verschiebungen der Ketten, Laufwege ohne Ball.
Genau dieser Überblick fehlt am Cottaweg.
Wenn nur ein Teil des Spielfelds im Bild ist, verschwinden viele der entscheidenden Bewegungen aus der Perspektive. Staffelungen im Aufbau, Pressingstrukturen oder Raumöffnungen lassen sich kaum erkennen, weil sie außerhalb des Bildausschnitts stattfinden.
Für Zuschauer im Stadion spielt das kaum eine Rolle. Für die öffentliche Wahrnehmung eines Spiels dagegen schon.
Denn ein wachsender Teil der Diskussion über Fußball entsteht heute außerhalb des Stadions: in Medien, Analysen, Blogs oder sozialen Netzwerken.
Wenn Spiele aber so gefilmt werden, dass ihre Struktur kaum sichtbar wird, erschwert das nicht nur die Analyse eines einzelnen Spiels und wirkt für den Zuschauer nicht wie eine Übertragung eines professionellen Sports, sondern eher wie TV-Bilder aus dem Amateurfussball.
Es erschwert auch die Entwicklung der öffentlichen Diskussion über den Frauenfußball selbst.
Mehr als nur ein Spiel
Der Nachmittag am Cottaweg hat etwas sichtbar gemacht, das über dieses eine Spiel hinausgeht.
Der Frauenfußball wächst inzwischen schneller als die Infrastruktur, auf der er vielerorts noch gespielt wird. Zuschauerzahlen steigen, Fanstrukturen entwickeln sich, und immer mehr Menschen sind bereit, auch auswärts zu ihren Teams zu reisen.
Doch an manchen Standorten ist die Infrastruktur auf diese Entwicklung noch nicht vorbereitet. Für ein Publikum von rund 800 Menschen, dem bisherigen Leipziger Schnitt, funktioniert der Cottaweg problemlos. Bei einer Kulisse mit mehreren hundert Gästefans wirkt die Anlage jedoch schnell an ihrer Grenze.
Der Frauenfußball ist inzwischen größer geworden als viele der Orte, an denen er lange gespielt wurde. Der Nachmittag in Leipzig hat genau das gezeigt.
Auf dem Platz stehen Mannschaften der höchsten Liga. Auf den Rängen stehen mehrere hundert Auswärtsfans, die bereit sind, für ihre Teams quer durchs Land zu reisen. Doch die Bühne, auf der sich das alles abspielt, wirkt an manchen Orten noch immer wie aus einer früheren Phase dieses Sports.
Der Cottaweg funktioniert für das, was dort lange Zeit stattgefunden hat.
Für das, was der Frauenfußball inzwischen geworden ist – und noch werden wird –, wirkt er jedoch spürbar zu klein.
Dadurch entsteht der Eindruck von Profifußball zweiter Klasse – und nicht von dem, was dieser Sport und diese Stadt eigentlich verdienen würden.
Der Nachmittag am Cottaweg zeigt damit auch, wie sehr Infrastruktur darüber entscheidet, welchen Stellenwert der Frauenfußball im Alltag eines Vereins hat.
Genau darüber habe ich hier im Blog bereits einmal geschrieben – über den Weg, den der 1. FC Union Berlin mit seinem neuen Trainingszentrum geht und warum dieser Ansatz im Frauenfußball ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist:
PK
Weitere Analysen und Hintergründe rund um die Frauen-Profis des 1. FC Union Berlin findest du regelmäßig auf meinem Blog „Die Schlosserinnen“:






