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Gleichstellung als Wettbewerbsvorteil: Was Unions Trainingszentrum wirklich verändert

Wenn über Gleichstellung im Fußball gesprochen wird, geht es meist um Sichtbarkeit, Zuschauerzahlen, TV-Verträge und Gehälter. Doch Gleichstellung entscheidet sich nicht allein an diesen Maßstäben.

Sie beginnt bei Strukturen.

Ein gemeinsames Zentrum entsteht

Seit Juli 2025 baut Union Berlin direkt neben dem Stadion An der Alten Försterei ein neues Trainingszentrum. Geplant ist ein gemeinsamer Profistandort für Männer- und Frauenmannschaft: mit Funktionsgebäude, Analyse- und Besprechungsräumen, medizinischen Bereichen und zusätzlichen Trainingsflächen – unter anderem durch ein Spielfeld auf dem Dach einer Parkgarage. Die Eröffnung des Profi-Trainingszentrums ist nach aktuellem Stand des Vereins weiterhin für das Jahr 2026 geplant.

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Visualisierung des geplanten Profi-Trainingszentrums | Quelle: 1. FC Union Berlin

Der Jungen- und Mädchennachwuchs bleibt am Trainingszentrum Oberspree. Der Profibereich hingegen wird künftig räumlich am Stadion gebündelt.

Damit entsteht in Köpenick nicht einfach nur ein neues Trainingszentrum. Hier wird die Struktur des Profifußballs in Deutschland neu gedacht.

Wo der Frauenfußball wirklich steht

Der Frauenfußball in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Trainingsumfänge sind gestiegen, sportwissenschaftliche Betreuung ist vielerorts Standard, Vollzeitverträge längst keine Ausnahme mehr.

Gleichzeitig bleibt die ökonomische Basis strukturell fragil. Der jüngst veröffentlichte Saisonreport des DFB zur Saison 2024/25 der Google Pixel Frauen-Bundesliga weist zwar Rekordzahlen bei Zuschauerinnen, Reichweiten und Gesamterträgen aus, doch liegen die durchschnittlichen Einnahmen der Klubs weiterhin nur im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Viele Vereine investieren mehr in ihre Frauenteams, als sie aus diesen unmittelbar erwirtschaften können, und sind auf Querfinanzierung innerhalb des Gesamtvereins angewiesen. Für reine Frauenvereine ist diese Konstellation naturgemäß noch herausfordernder, da ihnen diese Möglichkeit fehlt. Eine eigenständig tragfähige wirtschaftliche Struktur der Liga ist damit bislang nicht erreicht.

Dabei geht es nicht darum, die Erlösdimensionen des Männerfußballs zu kopieren. Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichmacherei. Entscheidend ist wirtschaftliche Tragfähigkeit innerhalb eines eigenständigen Modells. Professionell ist ein Wettbewerb dann, wenn er strukturell stabil organisiert ist – nicht wenn er denselben Umsatz erzielt wie ein anderer.

Wenn der Mittelpunkt ein anderer bleibt

In Deutschland sind die Bedingungen bei Vereinen wie Bayern München oder Wolfsburg hervorragend. Auch Klubs, die noch nicht in der Google Pixel Frauen-Bundesliga angekommen sind – etwa der VfB Stuttgart oder Borussia Dortmund – investieren massiv in Infrastruktur für ihre Frauenteams. Das Niveau steigt.

Und doch bleibt der Alltag häufig getrennt organisiert.

Die Frauen des FC Bayern München trainieren und spielen künftig am anderen Ende der Stadt in Unterhaching. Die berühmte Säbener Straße oder – zu Highlightspielen – die Allianz Arena bleiben besondere Orte, an denen man bestenfalls zu Gast ist, aber sie sind nicht der tägliche Mittelpunkt.

Beim VfL Wolfsburg ist man räumlich zwar näher beieinander, doch trainieren die Frauen getrennt von den Männern am Elsterweg. Gespielt wird im kleineren AOK-Stadion neben der Arena der Männer.

In Dortmund belebt man die altehrwürdige Rote Erde wieder – das bietet die Chance, einen Ort im Herzen des Vereins zu bespielen. Doch das neue Trainingszentrum der Frauen entsteht am Heßlingsweg – rund zwölf Kilometer vom Signal Iduna Park entfernt und damit klar getrennt vom Proficampus der Männer.

Auch in Stuttgart wird massiv in den Frauenbereich investiert. Die Männer trainieren am Proficampus in Bad Cannstatt, die Frauen hingegen in Obertürkheim. Zwei Standorte, zwei Alltage.

Diese Auswahl von Vereinen soll nur beispielhaft zeigen, was auch in Zukunft bei vielen Klubs in Deutschland Realität bleibt.

Getrennte Trainingsstandorte, getrennte Spielstätten und Alltagszentren bleiben getrennte Welten.

Selbst dort, wo hochwertige und professionell ausgestattete Trainingsanlagen bestehen, bleibt der strukturelle Mittelpunkt und tägliche Arbeitsalltag ein anderer.

Strukturen prägen nicht nur den Alltag der Spielerinnen. Sie prägen auch Wahrnehmung und Identifikation. Ein Team, das im Zentrum des Vereins verankert ist, bietet für Anhängerinnen und Anhänger eine andere Form der Nähe und Selbstverständlichkeit als eines, das räumlich und organisatorisch außerhalb stattfindet.

Genau deshalb entscheidet sich die Zukunft des Frauenprofifußballs nicht nur auf dem Rasen. Sie entscheidet sich in der Frage, wie Vereine ihre Strukturen denken – und welchen Platz sie dem Frauenfußball im Mittelpunkt ihres Vereins geben.

Das Modell der Gleichstellung

Union geht einen anderen Weg. Profi-Männer und Profi-Frauen trainieren künftig am selben Standort. Sie nutzen dieselbe Infrastruktur. Dasselbe Gebäude. Dieselben medizinischen Voraussetzungen. Dieselben Analysebereiche. Und sie spielen im selben Stadion.

Das ist keine Parallelstruktur. Das ist ein gemeinsamer Mittelpunkt im Herzen des Vereins.

Es ist wichtig zu verstehen, dass es dabei nicht darum geht, Trainingspläne zu kopieren oder sportliche Inhalte zu vereinheitlichen. Männer- und Frauenleistungssport unterscheiden sich in Belastungssteuerung und Trainingsgestaltung. Gleichstellung bedeutet nicht, Inhalte überzustülpen, sondern mit denselben strukturellen Voraussetzungen arbeiten zu können.

Und genau darin liegt ein Unterschied, der zu den meisten anderen Vereinen in Deutschland auf absehbare Zeit bestehen bleiben dürfte.

Echte Gleichstellung ist ein Wettbewerbsvorteil

Gesamtvereine mit etablierten Infrastrukturen und Querfinanzierung aus dem Männerbereich verfügen über organisatorische Vorteile gegenüber reinen Frauenvereinen. Dass es für eigenständige Frauenvereine immer schwieriger wird, im Wettbewerb mitzuhalten, taugt nicht als moralischer Vorwurf gegen Klubs mit Männerabteilung. Es zeigt vielmehr, dass es dem DFB bislang nicht ausreichend gelungen ist, ein eigenständig wirtschaftlich stabiles Modell für den Frauenprofifußball in Deutschland zu etablieren. Auch daher entstand das Bestreben der Vereine, die Bundesliga aus dem DFB auszugliedern.

Trotzdem macht Union etwas anders als andere Vereine. Der Klub nutzt seine Gesamtstruktur nicht als Parallelwelt, sondern als gemeinsames Zentrum. Darin liegt das Modell der Gleichstellung.

Dieses Modell setzt einen strukturellen Referenzpunkt innerhalb der Liga. Selbst wenn Vereine mit großer wirtschaftlicher Schlagkraft künftig in der Bundesliga auftreten, bleibt dieser Ansatz besonders: der gemeinsame Mittelpunkt von Männer- und Frauenprofifußball.

Mit dem Einzug ins neue Trainingszentrum gilt:

Wer Profi beim 1. FC Union Berlin ist, erlebt denselben Arbeitsalltag – unabhängig vom Geschlecht. Und das wird auf dem Transfermarkt eine Rolle spielen.

Spielerinnen fragen: Wo trainiere ich täglich? In welchem Stadion spiele ich? Was bedeutet es, Profi bei diesem Klub zu sein?

Bei Union lautet die Antwort: Du erlebst deinen Alltag dort, wo das Herz des Vereins schlägt. Du trainierst im selben Umfeld, das identitätsstiftend für Union ist – und spielst am Wochenende im Stadion, das diesen Verein definiert. Die Nutzung der Infrastruktur ist keine Frage des Geschlechts, sondern des Profistatus.

Das ist kein symbolischer Akt. Das ist ein handfester Wettbewerbsvorteil in einem stark wachsenden Markt – und einer, der auf absehbare Zeit nicht selbstverständlich sein wird.

PK

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