Eigentlich hatte sich auf den Außenverteidigerpositionen gerade etwas sortiert. Tomke Schneider links, Jill Janssens rechts – das sah zuletzt ziemlich klar aus. Dahinter mit Judith Steinert, Anna Weiß und Ida Heikkinen weitere Optionen. Man hätte also guten Gewissens sagen können: Auf den Außenbahnen ist Union erstmal ordentlich aufgestellt.
Und dann kommt Judit Pujols.

Das Spannende an diesem Transfer ist deshalb gar nicht, dass Union irgendwo ein Loch stopfen musste. Die klassische Baustelle gab es nicht. Spannend ist vielmehr, dass Union auf einer Position noch einmal Qualität dazuholt, die ohnehin schon ziemlich gut besetzt war – und damit eine gerade erst entstandene Hierarchie sofort wieder in Bewegung bringt.
Viel Ausbildung, noch nicht fertig
Pujols ist 21, kommt aus Wolfsburg und bringt einen ziemlich interessanten Fußball-Rucksack mit. Ausgebildet wurde sie in La Masia, der berühmten Nachwuchsakademie des FC Barcelona. Also dort, wo Ballkontrolle, Positionsspiel und technische Sauberkeit nicht irgendwann als Zusatzprogramm dazukommen, sondern ziemlich früh zur fußballerischen Grundausbildung gehören. Dazu kommen Einsätze für Spaniens Juniorinnen-Auswahlen und inzwischen auch Bundesliga-Erfahrung beim VfL Wolfsburg.
Das klingt erstmal nach einem ziemlich großen Paket. Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
Pujols war in Wolfsburg keine Stammspielerin. 19 Bundesliga-Einsätze stehen aus der vergangenen Saison zu Buche, aber nur sieben davon von Beginn an. Insgesamt waren es 665 Minuten.
Das ist für eine 21-Jährige in einem Spitzenkader durchaus ordentlich. Es ist aber eben auch noch kein Nachweis dafür, dass sie eine Bundesliga-Position Woche für Woche auf hohem Niveau besetzen kann.
Dazu kommt ein Detail, das den Deal aus Union-Sicht noch einmal interessanter macht: Wolfsburg hat den Vertrag mit Pujols vorzeitig aufgelöst. Union muss damit keine klassische Ablöse zahlen. Für eine Spielerin dieses Alters, mit dieser Ausbildung und noch ordentlich Luft nach oben ist das ein ziemlich überschaubares Risiko.
Union holt also keine fertige Wolfsburger Stammspielerin. Union holt eine Spielerin, bei der offensichtlich noch einiges nach oben offen ist – und bekommt die Chance darauf ohne großen Transferpreis.
Sie will nach vorne
Was bei Pujols sofort auffällt, ist ihr Drang nach vorne. Ihre Heatmap der vergangenen Saison erzählt ziemlich deutlich, dass sie die Außenverteidigerposition nicht als Aufenthaltsgenehmigung in der eigenen Hälfte versteht. Sie schiebt weit mit hoch, sucht Räume in der gegnerischen Hälfte und will sich ins Kombinationsspiel einschalten.
Dazu kommt mit 31,8 km/h Höchstgeschwindigkeit ordentlich Tempo. Gerade für eine Außenverteidigerin ist das interessant, wenn die letzte Linie höher steht und nach Ballverlust plötzlich Strecke nach hinten gemacht werden muss.
Auch am Ball wirkt das Fundament gut. 82 Prozent ihrer Pässe kamen an, in der gegnerischen Hälfte waren es noch 78 Prozent. Das sind keine spektakulären Zahlen, aber sie passen zu dem Bild einer Spielerin, die nicht nur über Dynamik kommt, sondern sich auch fußballerisch in Ballbesitzphasen einbringen kann.
Man sollte daraus allerdings noch keine fertige Offensivmaschine machen.
Ein Tor und eine Vorlage in 665 Minuten sind ordentlich. Dahinter wird es nüchterner: 0,3 Schlüsselpässe pro Spiel, keine kreierte Großchance, 18 Prozent erfolgreiche Flanken und 30 Prozent erfolgreiche Dribblings.
Pujols kommt also durchaus in offensive Räume. Aus diesen Situationen entsteht bisher nur noch nicht regelmäßig genug Gefahr.
Das ist vermutlich einer der Punkte, an denen Union ansetzen kann. Die Voraussetzungen sind da: Tempo, Technik, Beweglichkeit, gute Ausbildung. Jetzt muss daraus im letzten Drittel häufiger etwas entstehen.
Defensiv ist ebenfalls noch Luft. 48 Prozent gewonnene Zweikämpfe sind jedenfalls kein Wert, bei dem Tomke Schneider jetzt plötzlich um ihren Platz fürchten müsste. Natürlich muss man solche Zahlen auch im Wolfsburger Kontext lesen – der VfL verteidigt in vielen Spielen anders und hat wesentlich häufiger selbst den Ball. Trotzdem bleibt der direkte Zweikampf ein Bereich, in dem Pujols noch zulegen kann.
Schneider muss deshalb noch lange nicht weichen
Es wäre also falsch, diesen Transfer sofort als Wachablösung auf links zu erzählen.
Schneider hat sich ihren Platz verdient und ist im Moment wohl die komplettere und defensiv verlässlichere Variante. Pujols bringt dafür ein anderes Paket mit. Mehr Tempo, mehr Höhe, mehr offensive Interpretation der Position.
Und genau dadurch wird es für Eta interessant.
Gegen Gegnerinnen, die Union selbst lange beschäftigen und die Außenverteidigerinnen defensiv binden, kann Schneider weiterhin die naheliegendere Lösung sein. Muss Union dagegen selbst das Spiel machen, kommt gegen einen tiefen Block nicht durch oder braucht in der Schlussphase noch einmal mehr Druck über außen, kann Pujols eine ganz andere Option darstellen.
Vielleicht liegt ihre Rolle dabei am Ende sogar gar nicht ausschließlich in der Viererkette.
Denn schon in Barcelona wurde Pujols vereinzelt eine Reihe weiter vorne eingesetzt. Und wenn man sich ihr Profil anschaut, liegt dieser Gedanke auch für Union nicht völlig fern. Sie hat das Tempo für die Außenbahn, sucht ohnehin hohe Positionen und muss als offensive Spielerin nicht jedes Mal erst 50 Meter aus der Abwehr nach vorne schieben.
Das heißt nicht, dass Pujols plötzlich als klassische Flügelspielerin eingeplant werden muss. Dafür fehlt ihr bislang gerade im Eins-gegen-eins und bei der letzten Aktion noch der Nachweis. Aber als zusätzliche Option auf links? Durchaus.
Und damit wird der Transfer plötzlich größer als nur die Frage, wer Tomke Schneider Konkurrenz macht.
Nicht einfach nur „Außenverteidigerin“
Gerade der heutige Abgang von Antonia Halverkamps macht diesen Gedanken interessant.
Pujols ist kein Eins-zu-eins-Ersatz für Halverkamps. Dafür kommen beide aus unterschiedlichen Richtungen. Halverkamps war die offensivere Spielerin, die auch tiefer eingesetzt werden konnte. Pujols ist zunächst Außenverteidigerin, die nach vorne geschoben werden kann.
Trotzdem gibt es eine Schnittmenge: Beide erlauben es, die Außenbahn nicht starr nach Positionen zu denken.
Und vielleicht erzählt genau das etwas Größeres über diesen Union-Kader.
Die Grenzen zwischen den Positionen werden immer unschärfer.
Jill Janssens interpretiert die rechte Seite ohnehin offensiv. Judith Steinert kann mehrere Rollen übernehmen. Pujols kann links hinten beginnen, als Wingback spielen und zumindest die Möglichkeit mitbringen, eine Reihe weiter vorne aufzutauchen. Auch an anderen Stellen im Kader gibt es zunehmend Spielerinnen, die nicht nur in ein einziges Kästchen auf dem Taktikbrett passen.
Das wirkt inzwischen weniger wie Zufall und mehr wie eine Idee hinter der Kaderplanung.
Eta soll offensichtlich nicht einfach jede Position doppelt besetzt bekommen. Sie soll Spielerinnen haben, mit denen sie innerhalb eines Spiels Rollen und Strukturen verändern kann, ohne jedes Mal sofort das Personal tauschen zu müssen.
Eine Außenverteidigerin kann hochschieben. Eine Flügelspielerin kann tiefer kommen. Aus einer Viererkette kann mit Ball eine andere Struktur entstehen. Und je mehr Spielerinnen solche Wechsel beherrschen, desto weniger lässt sich Union über eine starre Grundordnung erklären.
Das könnte eine der spannendsten Entwicklungen dieser Saison werden.
Mehr Qualität heißt auch: weniger Platz
Für die Spielerinnen selbst hat diese Flexibilität allerdings eine andere Seite.
Schneider hat links zunächst die Nase vorn, Janssens rechts. Steinert bleibt als flexible Lösung. Jetzt kommt Pujols dazu.
Für Anna Weiß wird der Weg zu Minuten damit noch einmal länger. Bei Ida Heikkinen kann man stärker mit dem Faktor Entwicklung argumentieren, aber auch Entwicklung braucht irgendwann echte Spielzeit – und die wird auf den Außenbahnen nicht gerade großzügiger verteilt.
Dass am selben Tag neben Halverkamps auch Katja Orschmann den Verein verlassen hat, gehört deshalb ebenfalls zum Gesamtbild. Union packt nicht einfach immer weitere Spielerinnen oben auf den Kader. Es gibt Bewegung in beide Richtungen. Erfahrung und bekannte Gesichter gehen, neue Profile kommen dazu.
Bei Orschmann verliert Union dabei natürlich mehr als nur eine weitere Option im Kader. Sie gehört seit Jahren zu den prägenden Spielerinnen dieser Mannschaft. Gerade deshalb zeigt ihr Abgang auch, wie deutlich sich dieses Team inzwischen verändert.
Pujols wird bei Union übrigens die Nummer 5 tragen – bislang die Rückennummer von Katja Orschmann. Dass die Nummer ausgerechnet am Tag von Orschmanns Abschied neu vergeben wird, ist zumindest eine kleine Randnotiz dieses ohnehin bewegten Transfertages.
Pujols steht damit fast für die andere Seite dieses Umbruchs: jung, gut ausgebildet, noch nicht fertig – und vor allem nicht auf eine einzige Rolle festgelegt.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Stammplätze
Der interessanteste Effekt dieses Transfers zeigt sich vielleicht erst später. Denn je flexibler dieser Kader wird, desto weniger sinnvoll könnte es irgendwann sein, überhaupt noch von einer klaren ersten Elf zu sprechen.
Wenn Spielerinnen mehrere Rollen abdecken können, wenn Außenverteidigerinnen höher spielen, Flügel tiefer kommen und Eta je nach Gegner andere Profile braucht, dann verändert sich auch die Bedeutung von „Stammspielerin“. Vielleicht gibt es am Ende nicht die eine beste Besetzung, sondern mehrere.
Für Pujols wäre das womöglich sogar die beste Nachricht.
Sie muss nicht zwingend Tomke Schneider verdrängen, um wichtig zu werden. Sie muss Eta nur Gründe geben, sie einzusetzen.
Und davon bringt sie einige mit.





