Konsequent und mit aller Macht treibt der Verein die Qualitätsentwicklung seines Kaders voran.

Der Transfer von Jill Janssens passt nicht einfach nur perfekt in den Kader von Union Berlin. Er passt auch in ein größeres Bild. In eine Idee davon, wie dieser Verein Fußball spielen will – und wohin er sich als Nächstes entwickelt.
Aber zunächst die Antwort auf die Frage, wer Jill Janssens ist und was sie fußballerisch mitbringt.
Jill Janssens ist keine unbekannte Größe in der Bundesliga. Die 45-malige belgische Nationalspielerin hat sich bei der TSG Hoffenheim als Leistungsträgerin auf der rechten Seite etabliert und gehört auf ihrer Position als Rechtsverteidigerin zu den auffälligsten Spielerinnen der Liga.
Sie bringt ein klares Profil mit: enorme Geschwindigkeit, hoher Offensivdrang und die Bereitschaft, konsequent nach vorne zu schieben.
Gleichzeitig ist sie im Defensivverhalten keine rein absichernde, sondern eine aktiv eingreifende Spielerin. Sie sucht Zweikämpfe, setzt früh Druck und bringt genau den Zugriff mit, der für ein dominantes Spiel gegen den Ball notwendig ist.
Was sie auszeichnet, ist ihre Dynamik. Janssens verbindet Tempo, Tiefe und Intensität zu einem Gesamtprofil, das auf dieser Position in der Liga nur wenige Spielerinnen in dieser Form mitbringen. Sie ist keine Spielerin, die sich dem Spielverlauf unterordnet – sie ist eine, die ein Spiel aktiv mit nach vorne treibt.
Dieser Transfer ist die Konsequenz eines Plans
Die Entscheidung auf der Trainerposition macht deutlich, dass dieser Transfer Teil eines größeren Zusammenhangs ist. Mit Marie-Louise Eta als Cheftrainerin ab Sommer 2026 hat sich Union bewusst für eine Spielweise entschieden, die auf Kontrolle durch Aktivität setzt: hohes Pressing, schnelle Ballgewinne, klare Abläufe im Kombinationsspiel. Es ist ein Fußball, der nicht reagiert, sondern gestaltet. Und genau hier zeigt sich die Logik dieses Transfers.
Um zu verstehen, warum dieser Transfer mehr ist als nur eine personelle Ergänzung, lohnt sich ein Blick auf den Weg, den diese Mannschaft in den vergangenen Jahren gegangen ist.
Union ist mit einem klaren Profil durch die Ligen gegangen: offensiver Fußball, viel Ballbesitz, der Anspruch, Spiele zu dominieren. In der 1. Bundesliga musste dieser Ansatz zunächst angepasst werden. Der Qualitätssprung zwischen zweiter und erster Liga ist enorm – und er zwang Anfang der Saison zu Entscheidungen, um den Spielstil der neuen Realität anzupassen. Die Fünferkette war eine davon. Mehr Absicherung, weniger Risiko, ein pragmatischer Umgang mit dem neuen Level.
Allerdings war dies auch für die Fans eine Umstellung. Speiste sich die Euphorie für dieses Team in der 2. Liga ja nicht alleine aus den Erfolgen des Aufstiegs, sondern auch daraus, mit welch begeisterndem Offensivfußball dies passierte.
Doch wer dieses Team in der ersten Bundesliga-Saison genauer verfolgt hat, konnte sehen, dass sich das Spiel nach der Winterpause wieder immer mehr zu jenem mitreißenden Stil entwickelt hat, der schon früher die Massen begeisterte. Spiele wie in Leipzig, in Wolfsburg oder auch gegen Bremen haben gezeigt, wie sehr sich diese Mannschaft bereits innerhalb der Bundesliga spielerisch verbessert hat.
Sie ist mutiger geworden, klarer im Ballbesitz, sicherer in ihren Abläufen. Sie wirkt wieder wie das Team, das die 2. Liga in der Rückrunde verzaubert hat – nur auf einem deutlich höheren Qualitätslevel.
Diese Mannschaft hat sich längst weiterentwickelt
Mit der Verpflichtung von Marie-Louise Eta als neue Cheftrainerin setzt der Verein diese Entwicklung ab Sommer nicht nur fort – er gibt ihr eine klare Richtung.
Eta steht für einen Fußball, der auf Aktivität basiert. Damit diese Idee auf dem Platz funktioniert, braucht es jedoch mehr als nur eine taktische Marschroute. Es braucht Spielerinnen, die genau diese Anforderungen physisch und technisch erfüllen.
Und genau hier wird Jill Janssens zum Schlüsseltransfer. Ihr Profil lässt sich dabei nicht allein über die bloße Anzahl ihrer Aktionen erklären, sondern über deren herausragende Qualität. Dass sie trotz ihres hohen Tempos und ihres Offensivdrangs eine derart hohe Präzision beibehält, ist außergewöhnlich.
In der aktuellen Bundesligasaison kommt Janssens auf eine Erfolgsquote von rund 44 Prozent bei ihren Flanken – ein Wert, der gerade bei ihrem Spielstil heraussticht. Ein Blick auf die nackten Zahlen untermauert das: Janssens hat mit 63 Flanken die viertmeisten aller Außenverteidigerinnen der gesamten Liga geschlagen, wovon 25 erfolgreich waren.
Zum Vergleich: Etablierte Namen wie Nina Lührßen (Frankfurt, 24 von 103 erfolgreich), Janou Levels (Wolfsburg, 21 von 79) oder Caro Simon (Bayern, 31 von 75) fallen in der Effektivität teils deutlich hinter sie zurück. Das ist Bundesliganiveau auf absolutem Top-Level.
Neue Waffe für diesen Spielstil
Janssens bringt eine Qualität mit, die sie für das System von Eta so wertvoll macht: Sie vereint zwei Phasen des Spiels in einer Rolle.
In der Offensive nutzt sie ihre Vergangenheit als Stürmerin für gefährliche diagonale Läufe in den Strafraum. In der Defensive wird sie durch ihre enorme Geschwindigkeit zum Sicherheitsnetz. Diese Absicherungsläufe erlauben es dem restlichen Team, deutlich höher zu verteidigen, weil Janssens im Zweifel den Raum hinter der Kette zulaufen kann. Gleichzeitig hat sie sich defensiv über die Jahre sichtbar verbessert. Sie geht aktiv in Zweikämpfe und arbeitet sauber gegen den Ball.
Trotz ihrer erst 22 Jahre ist Janssens keine reine Entwicklungsspielerin mehr, sondern eine Akteurin, die sowohl in der Nationalmannschaft als auch in der Bundesliga bereits Wirkung entfaltet hat. Bestes Beispiel: Sie rangiert in der Liste der meisten Torschussvorlagen ligaweit auf Platz 8 – ein Rang, der für eine Außenverteidigerin außergewöhnlich ist. Im aktuellen Union-Kader weist lediglich Eileen Campbell mehr Torschussvorlagen auf.
Union macht, was andere nur ankündigen
Was diesen Transfer wirklich interessant macht, liegt nicht nur im sportlichen Profil. Er liegt in dem, was er über den Anspruch dieses Vereins aussagt.
Union schafft Rahmenbedingungen, die im Frauenfußball noch immer keine Selbstverständlichkeit sind: Infrastruktur, professionelle Abläufe, konkurrenzfähige Gehälter im Spitzenbereich der Bundesliga.
Ein Blick auf die Liga zeigt, wie besonders dieser Weg aktuell ist. Bis auf Bayern München verlieren selbst Bundesligisten, die lange eine Vormachtstellung hatten, zunehmend ihre besten Spielerinnen.
Ganz aktuelle Beispiele sind Vivien Endemann (von Wolfsburg nach Liverpool) oder Alexandra Popp, die Wolfsburg Richtung Dortmund verlässt. Géraldine Reuteler zieht es von Frankfurt zu Arsenal, während mit Anyomi, Gräwe und Lührßen weitere Leistungsträgerinnen die Eintracht verlassen.
Bei Union entsteht aktuell nicht der Eindruck, dass Qualität verloren geht. Sondern im Gegenteil: dass sie gezielt gesteigert wird.
Dieser Sommer wird voraussichtlich kein großer Umbruch. Dafür ist die Basis zu stabil und entwicklungsfähig. Doch genau diese Basis verlangt nach gezielten Verstärkungen – nicht unbedingt in der Breite, sondern in der absoluten Qualitätsspitze. Jill Janssens ist genau so eine Verstärkung und gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass Union den nächsten Schritt mit voller Attacke gehen will.
Union setzt das Tempo – und die Liga kommt nicht hinterher
Am Ende ist dieser Transfer kein Einzelfall. Er ist ein weiterer Beleg dafür, mit welcher Konsequenz dieser Verein seinen eigenen Weg verfolgt. Union beginnt damit nicht erst jetzt. Diese Entwicklung läuft seit der Professionalisierung in der Regionalliga – und sie läuft mit einer Geschwindigkeit, die im Frauenfußball in Deutschland noch immer ungewöhnlich ist.
In nahezu jeder Transferphase wurde die Qualität des Kaders spürbar angehoben. Für einzelne Spielerinnen bedeutet das auch, dass sie dieses Tempo in ihrer eigenen Entwicklung mitgehen müssen, um bei Union bestehen zu können. Genau darin liegt der Unterschied: Während viele Vereine aktuell damit beschäftigt sind, ihre Qualität mühsam zu halten oder sie sogar ans Ausland zu verlieren, geht Union einen anderen Weg. Hier wird Entwicklung nicht nur gefordert, sondern strukturell ermöglicht – und konsequent umgesetzt.
Es ist das Ergebnis eines Vereins, der bereit ist, diesen Weg mit aller Konsequenz zu gehen, und damit sichtbar macht, was im Frauenfußball in Deutschland möglich ist.
Jill Janssens ist deshalb mehr als nur der erste Name eines neuen Transfersommers. Sie ist ein weiterer Schritt auf einem rasanten Weg, auf dem Union nicht nur zur Spitze aufschließt – sondern beginnt, die Maßstäbe selbst zu definieren und dabei viele Bundesligisten mit ihren eigenen Bekenntnissen zur Stärkung des Frauenfußballs entlarvt.



6 Kommentare
Vielen Dank für das tolle Update! – und auch für alle vorherigen Zusammenfassungen. Viele Grüße aus Norwegen, Arnfinn.
Dankeschön fürs Lesen und das tolle Feedback. Ganz liebe Grüße in den Norden.
Ein sehr, sehr guter Transfer. Ich freue mich jetzt schon auf die kommende Saison.
👍 absolut
Ich schließe mich der Freude über den Transfer an.
Was aber bedeutet der Zugang für Fatma Şakar? Trennen sich im Sommer die Wege?
Und nun gibt es im Unionforum das Gerücht, dass Anna Weiß im Sommer ihre Karriere beendet.
Wie fundiert dieses Gerücht unterfüttert ist kann ich nicht einschätzen.
Egal, was kommt. Aber, wenn der Verein diese Ziele hat, war schon ersichtlich, dass wir auf Außenverteidigung ein Upgrade gebrauchen konnten. Grade als Tomke sich verletzte und Judith noch Zeit brauchte, um wieder aufs Level zu kommen, war die Personaldecke schon recht dünn.