
Beim 3:3 gegen den Vizemeister schauen die meisten auf das, was natürlich hängen bleibt. Auf diese zweite Halbzeit, auf die Tore, auf dieses Spiel, das in der Wahrnehmung irgendwann komplett kippt, wild wird, auf die rote Karte – auf all das, was man sich auch später noch einmal in den Highlights anschaut. Und das ist ja auch verständlich, weil genau das die Momente sind, die dieses Spiel nach außen tragen.
Aber wer erwartet, dass dieser Artikel den Blick auf diese Highlights richtet, sollte lieber den Spielbericht von Union lesen.
Denn worauf kaum jemand schaut, ist die erste Halbzeit. Oder noch genauer: diese ersten 30 Minuten, in denen gefühlt nichts passiert. Keine Torchancen, keine klaren Aktionen im Strafraum, nichts, was in einem Zusammenschnitt auftaucht.
Und genau darin liegt das Spannende. Nicht, weil diese Phase den Spielausgang entscheidet – das tut sie nicht. Sondern weil sie zeigt, was dieses Union-Team mittlerweile ausmacht. Wenn man verstehen will, welche Entwicklung diese Mannschaft genommen hat und warum sie inzwischen in der Lage ist, solche Spiele auf diesem Niveau zu spielen, dann muss man sich genau diese Phase anschauen.
30 Minuten aktive Raumkontrolle
Was man in diesen 30 Minuten sieht, ist kein Zufall. Das ist Struktur. Union steht nicht einfach nur gut, Union kontrolliert das Spiel gegen den Ball. Die Ketten sind sauber abgestimmt, die Abstände stimmen, die Höhe ist klar definiert. Und vor allem: Es ist kein Aneinanderreihen von Einzelaktionen mehr, sondern ein Kollektiv, das gemeinsam erkennt, wann Druck gemacht wird – und wann eben nicht.
Wolfsburg hat in dieser Phase den Ball, ja. Sie kommen auch in ihre Ballzirkulation, sie kommen ins letzte Drittel. Aber sie kommen nicht in die Räume, in denen Spiele entschieden werden. Weil Union diese Räume schließt. Das Zentrum ist dicht, die Zwischenlinienräume sind kaum bespielbar. Und jedes Mal, wenn Wolfsburg versucht, dort Lösungen zu finden, verschiebt der gesamte Block so konsequent, dass am Ende nur der Weg nach außen bleibt.
Und genau das ist gewollt. Wolfsburg wird nach außen gelenkt, in Zonen, die nicht weh tun. Flanken, Halbfeld, Situationen, die verteidigbar sind. Das ist keine Passivität, das ist aktive Raumkontrolle.
Deshalb passiert „nichts“. Nicht, weil das Spiel leer ist – sondern weil Union es leer macht.
Die Entstehung von Ruhe
Genau daraus entsteht der eigentliche Vorteil in dieser Phase. Weil Wolfsburg zwar den Ball hat, aber keine Gefahr entwickelt, gerät Union nicht unter Druck. Es gibt keinen Moment, in dem das Spiel kippt, keinen Moment, in dem du hinterherlaufen musst.
Das gibt dir etwas, das in solchen Spielen extrem wertvoll ist: Ruhe.
Du kannst in dieses Spiel gehen, ohne sofort bei 120 Prozent sein zu müssen. Du kannst dir erlauben, dass im Aufbau noch nicht alles sauber ist, dass du erst ins Spiel hineinfinden musst. Weil der Gegner dich nicht bestraft.
Ab etwa der zwölften Minute wird das sichtbar. Die Aktionen mit Ball werden besser, Angriffe entstehen – und plötzlich ist Union nicht mehr nur stabil, sondern im Spiel auf Augenhöhe angekommen.
Variabilität als Waffe
Das Entscheidende in dieser Phase ist die Variabilität im Aufbau. Union bietet Wolfsburg kein klares Bild. Kein festes Schema, auf das man sich einstellen kann. Mal wird klassisch über die Viererkette aufgebaut, mal kippt das Spiel in den Dreieraufbau – mit Pawollek, die sich nach hinten fallen lässt, mit Tysiak zentral und Steuerwald daneben.
Dieses ständige Wechseln sorgt dafür, dass Wolfsburg im Pressing nie in einen Rhythmus kommt. Union kann sich immer wieder aus Drucksituationen lösen. Nicht perfekt, nicht fehlerfrei – aber kontrolliert.
Der einzige Moment, in dem das einmal kippt, ist um die 30. Minute herum durch einen Aufbaufehler. Bis dahin strahlt Wolfsburg keine wirkliche Gefahr aus. Und das ist die direkte Folge dieser taktischen Variabilität.
Qualität vor Quantität
Das lässt sich auch in den Zahlen ablesen. Wolfsburg kommt 72 Mal ins letzte Drittel, Union 48 Mal. Entscheidend ist aber, was danach passiert: Wolfsburg kommt auf 24 Ballkontakte im Strafraum, Union auf 18 – und das bei einem Ballbesitzverhältnis von ungefähr zwei Dritteln zu einem Drittel.
Der Unterschied wird kleiner, je näher es an das Tor geht. Es bestätigt, was sich schon im Spiel gegen Bremen gezeigt hat: Du brauchst nicht den Ball, um in die gefährlichen Räume zu kommen.
Anker, Organisatoren und echte Verbundenheit
Dass das funktioniert, liegt auch an den Spielerinnen. Steuerwald ist dabei der Anker: 20 defensive Aktionen, fünf von fünf gewonnenen Tacklings – und kein einziges Mal ausgespielt. Davor organisiert Pawollek das Spiel mit 16 von 19 angekommenen Pässen in der gegnerischen Hälfte. Und Lia Kamber prägt die Übergangsmomente im Aufbauspiel mit enormer Physis – auch wenn sie sich über ihren einzigen verlorenen Zweikampf, der zum 3:3 führte, sichtlich geärgert hat.
Doch genau in diesem Moment der Enttäuschung hat Lia vielleicht umso mehr gelernt, was Union wirklich ausmacht:
Zu spüren, dass du nach so einem Moment nicht alleine bist. Dass du nicht fällst, sondern aufgefangen wirst. Das zeichnet diesen Verein aus und ist eine seiner größten Stärken.
Der Block
Stark war auch, dass der Gästeblock mit vielleicht 400 Unionerinnen gefüllt war. Und im Block wieder etwas entstanden ist, das man live erleben muss, um es zu verstehen.

Der Auswärtssupport ist im Vergleich zu dem, was man im Frauenfußball größtenteils aktuell sonst noch erlebt, nicht einfach nur groß und laut. Fahnen, Gesänge, Trommel – klar. Aber das Entscheidende passiert im Block.
Diese Mischung aus jung und alt, aus Männern und Frauen ist nicht nur sichtbar – sie funktioniert auch. Weil respektvoll miteinander umgegangen wird, weil sich niemand behaupten muss, weil Platz füreinander da ist.
Es stehen die unterschiedlichsten Unionerinnen nebeneinander, die sich vorher teilweise nie oder nur flüchtig gesehen haben. Trotzdem kommt man sofort ins Gespräch, lacht zusammen, und trägt dieses Team gemeinsam – mit all den Abläufen und Traditionen, die unseren Verein ausmachen.
Der Block ist nicht überorganisiert. Nicht gestellt. Sondern echt und unkompliziert. Das macht das erleben so leicht.
Und genau aus dieser breiten Mischung entsteht eine ganz eigene freie Unterstützung für das Team. Aber vor allem entsteht ein Ort, an dem sich jede/r einzelne zu jeder Zeit wohlfühlen darf.
Die Wirkung dieses Blocks
Die Wirkung dieses Blocks beschränkt sich nicht nur auf das, was in TV-Bildern oder auf Social Media nach außen sichtbar wird und den Frauenfußball attraktiver macht.
Er stärkt auch die Sichtbarkeit nach innen, in den Verein hinein.
Es muss sichtbar werden, was sichtbar gehört. Frauenfußball gehört nicht nur Frauen und Männerfußball nicht nur Männern.
Das gilt aber nicht nur für die Sicht auf Frauenfußball, sondern auch für die Teilhabe und Sichtbarkeit von Frauen und deren Belange im Verein.
Und wenn wir alle ehrlich mit uns selbst sind, dann haben wir da als Gesamtverein zwar schon in all den Jahren beachtliche Schritte gemacht.
Aber den größte Entwicklungsschritt, die dieser Union-Block auch an diesem Spieltag wieder untereinander gezeigt hat, liegt in vielen Teilen der Anhängerschaft des Gesamtvereins und damit auch des Vereins an sich, noch vor uns.
Es ist eine Entwicklung, die uns allerdings auch das Präsidium nicht einfach mit Geld oder Beton ermöglichen kann.
Es ist die Entwicklung, die bei jedem selbst beginnen muss.





