Start / Transfers / Dicker Fang am Deadline Day: Union schnappt sich Bremens Kapitänin

Dicker Fang am Deadline Day: Union schnappt sich Bremens Kapitänin

Jenny Hipp geht nach Bremen, Lina Hausicke kommt nach Köpenick. Ein Tausch ist das nicht. Trotzdem erzählt dieser Deadline Day einiges darüber, wie Union sein Mittelfeld weiterentwickeln will. Während Hipp an der Weser auf mehr Spielzeit hoffen darf, holt Union eine Kapitänin und Stammspielerin, die Bremen eigentlich überhaupt nicht verlieren wollte.

IMG 1917
Foto: 1. FC Union Berlin

Manchmal liefert der Transfermarkt Geschichten, bei denen man zweimal hinschauen muss.

Am Dienstag verkündet Werder Bremen die Verpflichtung von Jenny Hipp. Die 28-Jährige hatte Union im Sommer nach nur einer Saison verlassen. Wenig später geht es in die andere Richtung: Lina Hausicke verlässt nach neun Jahren Bremen und schließt sich dem 1. FC Union Berlin an.

Hipp nach Bremen, Hausicke nach Berlin.

Formal haben beide Transfers nichts miteinander zu tun. Hipp war nach ihrem Abschied aus Köpenick vereinslos, Hausicke stand dagegen noch langfristig bei Werder unter Vertrag. Trotzdem drängt sich der Vergleich auf. Beide sind 28, beide spielen im zentralen Mittelfeld – nur ihre Ausgangslage ist eine ziemlich andere.

Für Hipp wäre regelmäßige Spielzeit bei Union angesichts der Konkurrenz im Zentrum auch in dieser Saison keineswegs garantiert gewesen. Der Schritt nach Bremen ist deshalb nachvollziehbar und kann für sie genau der richtige sein.

Hausicke dagegen verlässt Werder als Kapitänin, Stammspielerin und eine der prägenden Figuren der vergangenen Jahre. Und damit wird der Transfer aus Union-Sicht ziemlich interessant.

Werder wollte sie nicht hergeben

Die vielleicht bemerkenswerteste Einordnung liefert Bremen gleich selbst.

„Wir wollten Lina zu keinem Zeitpunkt abgeben“, sagt Dominik Kupilas, Leiter Frauenfußball & Internationalisierung beim SV Werder.

Viel deutlicher kann ein abgebender Verein kaum sagen, was er von einer Spielerin hält.

Hausicke habe ihren Wunsch nach Veränderung allerdings „mehrfach und sehr klar“ hinterlegt. Bremen ließ sie schließlich ziehen – auch, weil nach Vereinsangaben eine „sehr gute wirtschaftliche Lösung“ gefunden wurde.

Eine Ablösesumme ist nicht bekannt. Interessant ist die Formulierung trotzdem, denn Hausicke war alles andere als auf dem Sprung in die Vertragslosigkeit. Ihr Vertrag lief noch bis 2028, erst im Juni 2025 hatte sie in Bremen verlängert.

Union hat also nicht einfach eine Gelegenheit auf dem Markt genutzt. Man hat eine Spielerin aus einem langfristigen Vertrag geholt, die ihr bisheriger Verein ausdrücklich behalten wollte. Und zwar am letzten Tag des Transferfensters.

Das kann man aus Köpenicker Sicht schon mal einen ziemlich guten Fang nennen.

Hausicke kommt zudem nicht aus irgendeiner Bremer Nebenrolle. 172 Pflichtspiele und 18 Tore stehen für Werder zu Buche. Über Jahre war sie Führungsspielerin und Kapitänin. Dass sie selbst offenbar schon länger einen neuen Schritt machen wollte, ist deshalb fast der spannendste Teil der Geschichte.

Eine Sechs, die wehtut

Sportlich bekommt Union vor allem eine Spielerin, die sich im Zentrum ziemlich klar einordnen lässt.

Hausicke ist keine Sechserin, die ein Spiel zwangsläufig über möglichst viele Ballkontakte an sich ziehen muss. Ihre Qualitäten liegen eher in den Dingen, die auf dem Statistikbogen manchmal weniger glänzen, auf dem Platz aber schnell fehlen, wenn sie niemand macht: Räume schließen, Zweikämpfe führen, zweite Bälle gewinnen und das Zentrum absichern.

Die ersten beiden Saisonspiele bei Werder passen ziemlich gut dazu.

Hausicke gewann 7,5 Zweikämpfe pro Partie, 65 Prozent ihrer Duelle insgesamt. Besonders auffällig waren die Luftzweikämpfe: drei gewonnene pro Spiel bei einer Quote von 86 Prozent. Dazu kommen 2,5 Tacklings und 1,5 abgefangene Bälle pro Partie.

Zwei Spiele sind natürlich keine Grundlage für große Saisonurteile. Aber die Werte zeigen ziemlich gut, was Union da verpflichtet hat.

Am Ball ist das Ganze weniger spektakulär, aber solide: 52 Ballkontakte, 31,5 Pässe pro Partie, 81 Prozent davon erfolgreich und ein Schlüsselpass im Schnitt.

Sie ist also keineswegs eine Spielerin, die man mit Ball besser in Ruhe lässt. Aber sie muss auch nicht das komplette Aufbauspiel auf ihre Schultern nehmen.

Und das muss sie bei Union schon gar nicht.

Im Zentrum wird es richtig eng

Denn wenn es einen Mannschaftsteil gibt, in dem Union mittlerweile fast schon Luxusprobleme hat, dann ist es das zentrale Mittelfeld.

Mit Lisanne Gräwe, Yella Veit, Tanja Pawollek, Lia Kamber, Korina Janez und Lisa Heiseler gibt es – sobald alle wieder zur Verfügung stehen – eine ganze Reihe von Spielerinnen, die diese Räume auf sehr unterschiedliche Weise besetzen können.

Da gibt es Spielkontrolle und Passqualität, Dynamik, offensive Läufe und Spielerinnen, die das Spiel auch aus tieferen Positionen eröffnen können. Andere fühlen sich weiter vorne wohler. Hausicke kommt jetzt nicht als weitere Variante desselben Spielertyps dazu, sondern bringt mit Zweikampfstärke, Präsenz, Luftduellen und Absicherung etwas ziemlich Eigenes mit.

Das kann in diesem Mittelfeld wertvoll werden, gerade weil sie nicht alles selbst machen muss.

Spannend wird jetzt vor allem, wie Marie-Louise Eta das alles zusammenbaut. Hausickes defensive Präsenz könnte etwa erlauben, vor ihr aggressiver anzulaufen oder eine offensivere Achterin höher zu halten, ohne dass nach jedem Ballverlust sofort das Zentrum offensteht.

Auch bei Standards und zweiten Bällen bringt ihre Stärke in der Luft zusätzliche Präsenz.

Mit einer klaren Sechs und zwei Achterinnen davor? Mit einer Doppelsechs? Mit mehr spielerischer Kontrolle? Oder in bestimmten Spielen bewusst mit mehr Physis und Absicherung?

Die Möglichkeiten sind inzwischen enorm.

Und damit ist Hausicke vielleicht nicht die Spielerin, die dieses Mittelfeld komplett verändert. Aber sie gibt Union eine Variante mehr, die bislang nicht ganz so deutlich vorhanden war.

Stammkraft bis zum letzten Tag

Dass Hausicke nicht als Ergänzungsspielerin aus Bremen kommt, zeigen auch ihre Einsatzzeiten.

In der vergangenen Bundesliga-Saison absolvierte sie 23 Spiele und 1.917 Minuten, dazu kamen drei Tore.

Auch in die neue Saison startete sie als klare Stammkraft. Werder gewann zum Auftakt in Mainz und anschließend gegen Leipzig. Hausicke stand in beiden Partien von Beginn an auf dem Platz und spielte jeweils durch.

180 von 180 möglichen Minuten.

Eine Woche später ist sie Unionerin.

Genau deshalb hat der Transfer Gewicht. Union holt nicht eine Spielerin, deren Rolle bei einem Konkurrenten gerade kleiner wurde. Union holt dessen Kapitänin aus der Startelf.

Hipp nach Bremen, Hausicke nach Berlin

Und damit zurück zu Jenny Hipp.

Der Wechsel nach Bremen kann für sie absolut Sinn ergeben. Die Konkurrenz im zentralen Mittelfeld bei Union ist enorm, regelmäßige Einsatzzeiten wären auch in dieser Saison alles andere als sicher gewesen. Für eine Spielerin in ihrem Alter ist es völlig nachvollziehbar, dass sie einen Verein sucht, bei dem sich die Chance auf eine größere Rolle bietet.

Und trotzdem bleibt bei ihrem Abschied aus Köpenick mehr hängen als nur die Frage nach Einsatzminuten.

Hipp hat sich in ihrer Zeit bei Union sichtbar mit dem Verein identifiziert, die Atmosphäre angenommen und immer wieder gezeigt, wie wohl sie sich in diesem Umfeld gefühlt hat. Dass es sportlich nun einen anderen Weg gibt, ändert daran nichts.

Man kann ihr aus Berlin deshalb eigentlich nur wünschen, dass sie in Bremen genau die Spielzeit und die Rolle findet, die sie sich erhofft. Union dürfte bei ihr trotzdem einen Platz behalten – und umgekehrt.

Werder beschreibt Hipp als ballsichere und vielseitige Mittelfeldspielerin mit gutem rechten Fuß und Spielverständnis. Das sind Qualitäten, mit denen sie Bremen helfen kann.

Deshalb wäre es auch zu billig, daraus die Geschichte zu machen, Union habe Hipp aussortiert und anschließend einfach eine bessere Spielerin geholt.

So einfach ist es nicht.

Interessant sind eher die unterschiedlichen Ausgangslagen.

Hipp geht zu einem Verein, bei dem sich für sie womöglich eine größere Rolle öffnet. Hausicke kommt von einem Verein, bei dem sie Kapitänin, Stammspielerin und ausdrücklich weiterhin erwünscht war.

Das macht die beiden Bewegungen am selben Tag eben so reizvoll.

Ein Upgrade? Für diese Rolle spricht einiges dafür

Ist Hausicke also ein Upgrade gegenüber Hipp?

Spielerin gegen Spielerin würde ich das nicht behaupten. Dafür unterscheiden sich ihre Profile zu sehr.

Für das, was Union im Zentrum noch gefehlt hat, spricht aber einiges für Hausicke.

Sie bringt defensive Präsenz, Physis, Kopfballstärke und Führungserfahrung mit. Sie kommt nicht auf der Suche nach ihrem ersten Nachweis auf diesem Niveau, sondern als langjährige Bundesliga-Stammspielerin und Kapitänin.

Und Union war offenbar bereit, für genau diesen Spielertyp auch wirtschaftlich etwas zu tun.

Das sieht schon sehr danach aus, dass man sie wirklich wollte.

Bitterer Deadline Day an der Weser

Und für Bremen?

Sechs Punkte aus den ersten beiden Spielen. Die Kapitänin spielt beide Male 90 Minuten. Der Verein möchte sie behalten.

Am letzten Tag des Transferfensters ist sie trotzdem weg. Nach Berlin.

Mit Jenny Hipp bekommt Werder gleichzeitig eine erfahrene Mittelfeldspielerin hinzu, die dort durchaus wichtig werden kann. Für sie kann Bremen genau der richtige nächste Schritt sein.

Trotzdem dürfte es an der Weser angenehmere Deadline Days gegeben haben.

Aus Union-Sicht sieht die Sache einfacher aus: Jenny Hipp geht nach Bremen, weil sich dort für sie die Aussicht auf eine größere Rolle bietet. Am selben Tag kommt aus Bremen eine Kapitänin nach Köpenick, die Werder eigentlich gar nicht abgeben wollte.

Dicker Fang am Deadline Day.

b56739d48d39455e8ae0175cce1d3a04

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert