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Viel Aufwand, zu wenig Ertrag im Strafraum

Union hat in Freiburg viel den Ball, aber zu selten dort, wo es wehtut. Das 0:1 erzählt von fehlender Durchschlagskraft, einem gefährlichen Konzentrationsabfall nach der Pause – und von einer Torhüterin, die Schlimmeres verhindert.

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Foto: 1. FC Union Berlin

Mittagsfußball im Dreisamstadion. 25 Grad, die Sonne drückt auf den Rasen, nach einem Jahr Umbau ist die Freiburger Nordtribüne erstmals wieder geöffnet. 1.806 Zuschauerinnen und Zuschauer sind gekommen – und zwischen den Stimmen der Heimfans hallen immer wieder die „Eisern Union“-Rufe durch das alte Stadion.

Für Eileen Campbell, Samantha Steuerwald und Leela Egli ist es die Rückkehr an ihre frühere Wirkungsstätte. Judith Steinert wird später noch dazukommen. Vor dem Spiel gibt es Umarmungen mit ehemaligen Mitspielerinnen, danach keine Geschenke mehr.

Und zunächst sieht es tatsächlich nach einem guten Auswärtsnachmittag aus. Union läuft Freiburg hoch an, gewinnt Bälle und bestimmt, wohin sich das Spiel bewegt. Nach einer halben Stunde stehen fünf Berliner Torschüsse und noch kein einziger Freiburger auf dem Statistikbogen. Die mitgereisten Unionerinnen und Unioner haben allen Grund, laut zu sein.

Nur ein Tor fehlt.

Genau das wird zum Problem dieses Nachmittags. Union hat den Ball, Union hat die Spielanteile, Union kommt immer wieder nach vorn – aber im Strafraum fehlt die letzte Überzeugung. Freiburg übersteht die Berliner Druckphase und wartet darauf, dass sich das Spiel verändert.

Nach der Pause verändert es sich.

64 Prozent Ballbesitz. 464 Pässe. 48 Eintritte ins letzte Drittel. Das klingt nach Kontrolle. Doch Union hat nur 24 Ballkontakte im Freiburger Strafraum, der SC kommt auf 46. Die Berlinerinnen geben 19 Schüsse ab, Freiburg 26. Bei den erwarteten Toren liegt der Sport-Club laut Sofascore mit 2,51 zu 1,64 vorn.

Union hat den Ball. Freiburg die Gefahr.

Viel Ball, wenig Wucht

Union spielt 208 Pässe mehr als Freiburg. Trotzdem bringt der SC im letzten Drittel 58 Pässe zur Mitspielerin, Union nur 50.

Diese Zahl tut weh.

Die Berlinerinnen bewegen den Ball durch die eigene Hälfte und das Mittelfeld meist sicher. 48-mal gelingt der Eintritt ins letzte Drittel, Freiburg nur 33-mal. Doch das Überqueren dieser gedachten Linie ist noch kein gelungener Angriff. Entscheidend ist, ob danach Tempo aufgenommen, eine Gegenspielerin überspielt und der Strafraum erreicht wird.

Genau dort verliert das Berliner Spiel seine Schärfe.

Die Passquote im letzten Drittel liegt bei 60 Prozent. Freiburg kommt auf 65 Prozent und spielt dort trotz deutlich weniger Ballbesitz mehr erfolgreiche Pässe. Union gelangt also häufiger nach vorn, macht aus diesen Situationen aber weniger.

Das zeigt sich besonders bei der Strafraumbesetzung. Union hat 24 Ballkontakte im gegnerischen Sechzehner, Freiburg fast doppelt so viele. Von den 26 Freiburger Abschlüssen werden 20 innerhalb des Strafraums abgegeben. Beim SC führen weniger Ballaktionen schneller in gefährliche Räume.

Freiburg legt dabei nicht einmal mehr Strecke zurück. Union kommt auf 97,4 Kilometer, der SC auf 96,5. Am grundsätzlichen Laufpensum liegt es nicht. Interessanter ist die Zahl der Sprints: Freiburg 40, Union 31. Das passt zum Eindruck, dass der Sport-Club besonders nach der Pause häufiger mit hoher Intensität in die entscheidenden Räume startet.

Unions erste Halbzeit soll dadurch nicht kleiner gemacht werden, als sie ist. Lisanne Gräwe findet mehrmals Sophie Weidauers Läufe in die Tiefe. Leela Egli kommt in guter Position zum Abschluss. Lia Kamber bringt früh einen scharfen Ball in den Strafraum, den Eileen Campbell nur knapp verpasst.

Das ist herausgespielt. Das ist mutig. Und es hätte die Führung bringen können.

Aber eben nur können.

19 Schüsse klingen besser, als sie waren

Union gibt 19 Torschüsse ab, zwölf davon innerhalb des Strafraums. Trotzdem kommen nur vier Bälle tatsächlich auf das Tor von Anna Reimann. Zehn Abschlüsse gehen vorbei, fünf werden geblockt.

Besonders deutlich wird das Problem beim Vergleich zweier Werte. Unions Chancen ergeben laut Sofascore 1,64 Expected Goals. Die Qualität der Situationen reicht also grundsätzlich aus, um zu treffen.

Der „Expected Goals on Target“-Wert liegt jedoch nur bei 0,55. Dieser Wert berücksichtigt nicht allein den Ort des Abschlusses, sondern auch, wie gefährlich die tatsächlich aufs Tor gebrachten Bälle sind. Die vier platzierten Abschlüsse erzeugen deutlich weniger Gefahr, als es die vorherigen Positionen versprechen.

Oder einfacher gesagt: Union kommt in brauchbare Situationen, macht beim Schuss aber zu wenig daraus.

Weidauer ist häufig beteiligt, bietet Tiefe an und kommt mehrfach zum Abschluss. Mal fliegt der Ball vorbei, mal über das Tor, einmal ans Außennetz. Egli verzieht aus aussichtsreicher Position. Bei der großen Doppelchance in der 76. Minute pariert Reimann zunächst mit dem Fuß gegen Naika Reissner. Samantha Steuerwald bekommt beim Nachschuss nicht genügend Druck hinter den Ball, sodass Reimann erneut retten kann.

Das ist die Chance zum 1:1. Das Spiel ist nach dem Freiburger Tor keineswegs entschieden.

Die Szene bleibt allerdings ein einzelner Höhepunkt. Union entwickelt nach dem Rückstand keine längere Druckphase, in der der Ausgleich regelrecht in der Luft liegt. Es fehlen nicht komplett die Gelegenheiten. Es fehlt die Konsequenz, sie sauber zu Ende zu spielen.

Wieder diese Minuten nach der Halbzeit

Das Freiburger Tor fällt nach einer Ecke. Nicole Ojukwu bringt den Ball an den langen Pfosten, Lisa Karl steht dort völlig frei und köpft aus kurzer Distanz ein.

Als der Ball im Netz liegt, ist die wiedereröffnete Nordtribüne plötzlich richtig da. Freiburg jubelt, Union versucht sich zu sammeln. Innerhalb weniger Minuten hat sich die Stimmung dieses Nachmittags gedreht – genauso wie das Spiel.

Der Zuordnungsfehler ist offensichtlich. Karl darf dort niemals so unbedrängt zum Abschluss kommen. Die Geschichte des Gegentores beginnt aber schon vor der Ecke.

Freiburg kommt deutlich wacher aus der Kabine. Bereits unmittelbar nach Wiederanpfiff muss Nadine Böhi eine Hereingabe abwehren. Der zweite Ball bleibt gefährlich, Böhi und Amber Tysiak verhindern gemeinsam den Rückstand, ein weiterer Abschluss geht knapp vorbei.

Wenig später fängt Freiburg einen unsauberen Berliner Rückpass ab. Union kann die direkte Chance zunächst verhindern, muss aber jene Ecke hinnehmen, die zum 1:0 führt.

Dass Union ausgerechnet nach der Pause die Konzentration verliert, ist nicht zum ersten Mal passiert. Gegen Bayern fällt das 0:2 bereits in der 47. Minute nach einem Fehlpass. In der anschließenden Viertelstunde fehlt der Zugriff, Bayern erspielt sich weitere Möglichkeiten und erhöht in der 60. Minute auf 0:3.

Drei der bisher fünf Gegentore dieser Saison kassiert Union damit in den ersten 15 Minuten nach der Halbzeit.

Nach zwei Spielen ist das noch kein grundsätzliches Problem. Dafür ist die Saison viel zu jung. Zweimal innerhalb von acht Tagen mit weniger Fokus aus der Kabine zu kommen, ist trotzdem auffällig. In beiden Partien ist Union vor der Pause voll im Spiel. Nach dem Wiederanpfiff braucht die Mannschaft einige Minuten, um wieder zu ihrer vorherigen Stabilität zu finden.

Gegen Bayern und Freiburg reichen einige Minuten.

Ob es an der Halbzeitansprache oder an taktischen Vorgaben liegt, lässt sich von außen nicht beurteilen. Marie-Louise Eta nimmt in Freiburg zur Pause mit Nele Bauereisen für Jella Veit sogar eine personelle Veränderung vor. Trotzdem erwischt der SC den wesentlich besseren Start in den zweiten Durchgang.

Auch die Kartenverteilung passt zur schwierigeren zweiten Hälfte. Union sieht fünf Gelbe Karten, Freiburg zwei. Daraus muss niemand ein Disziplinproblem machen. Die Verwarnungen zeigen aber, dass die Berlinerinnen häufiger in unangenehme Zweikämpfe geraten. Weidauer stoppt einen Gegenangriff, außerdem werden Gräwe, Schneider, Kamber und Janssens verwarnt.

Einsatz ist vorhanden. Die Ordnung nicht immer.

Böhi hält Union im Spiel

Dass aus Freiburgs Überlegenheit nach der Pause nur ein Tor entsteht, liegt vor allem an Nadine Böhi. Sie rückt für die kurzfristig ausgefallene Cara Bösl in die Startelf und pariert sechs Abschlüsse.

Beim Gegentor kann sie nichts ausrichten. Wenn Karl aus kurzer Distanz frei köpfen darf, ist die Torhüterin nahezu machtlos. In mehreren anderen Situationen verhindert Böhi jedoch das 0:2.

Direkt nach der Pause ist sie bei der Freiburger Doppelchance zur Stelle. In der Schlussphase hält sie Union weiterhin im Spiel. In der 86. Minute lenkt sie einen Schuss von Amira Arfaoui noch an den Pfosten.

Ohne Böhi fällt das Ergebnis wahrscheinlich deutlicher aus.

Bei den Feldspielerinnen gibt vor allem Gräwe in der ersten Halbzeit den Takt vor. Sie fordert den Ball, treibt das Spiel an und findet mehrfach Weidauers Tiefenläufe. Weidauer wiederum zeigt, warum Eta sie anstelle von Lisa Heiseler beginnen lässt. Sie ist wesentlich häufiger in die gefährlichen Berliner Angriffe eingebunden als noch gegen Bayern. Nur ein Tor entsteht aus ihren Möglichkeiten nicht.

Heiseler leitet nach ihrer Einwechslung mit einer Ecke die große Ausgleichschance ein. Reissner bringt Tempo und kommt selbst zum Abschluss. Steuerwald übernimmt als Kapitänin Verantwortung und hat den zweiten Versuch. Viel näher kommt Union dem Ausgleich nicht mehr.

Jetzt muss aus ordentlich mehr werden

Deshalb schmerzt diese Niederlage anders als das 1:4 gegen Bayern. Gegen den Meister konnte Union trotz des Ergebnisses viel Positives aus der eigenen Leistung ziehen. Freiburg ist dagegen eine Mannschaft, an der sich eher ablesen lässt, wohin der Weg in dieser Saison führen kann.

Union hält gut mit. In der ersten Halbzeit ist zeitweise sogar mehr möglich. Am Ende gewinnt Freiburg trotzdem verdient, weil die Gastgeberinnen aus deutlich weniger Ballbesitz wesentlich mehr Gefahr entwickeln.

Null Punkte und 1:5 Tore nach zwei Spielen sind kein Grund zur Panik. Dafür waren die Gegner zu stark und die Leistungen über weite Strecken zu ordentlich. Dauerhaft kann sich Union davon aber nichts kaufen.

Der nächste Entwicklungsschritt besteht nicht darin, noch mehr Pässe zu spielen. Union muss aus seinen Ballbesitzphasen mehr machen. Im letzten Drittel müssen die Entscheidungen klarer werden, der Strafraum konsequenter besetzt und die vorhandenen Chancen besser abgeschlossen werden.

Und nach der Halbzeit muss die Mannschaft sofort wieder da sein.

Als Nächstes kommt Eintracht Frankfurt in die Alte Försterei. Dort wird die Unterstützung wieder da sein, daran besteht kein Zweifel. Union muss dafür sorgen, dass die eigene Wirkung auf dem Rasen mit der Energie von den Rängen Schritt hält.

Gegen Frankfurt braucht Union nicht noch mehr Ballbesitz. Union braucht mehr Wirkung mit dem Ball.


Saisonstatistiken und Rankings der Spielerinnen in der neuen Statistikzentrale:

Statistiken

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Ein Kommentar

  • Im Gegensatz zum Spiel gegen die Bayern, wo individuelle Fehler Einzelner den Ausschlag zugunsten Bayern gaben, war es im Spiel gegen Freiburg insbesondere in der 2. Halbzeit ein kollektives Problem, als Team Lösungen zu finden. Aber auch in Halbzeit 1 kaschieren 85 % Passquote und 65% Ballbesitz das Unvermögen, auf das effektive Pressing der Freiburgerinnen zu reagieren. Weite Abschläge, lange Bälle, um die hohe Pressinglinie der Freiburgerinnen zu überspielen, gab es nicht. Und haarsträubende Fehlpässe im Spielaufbau in der Defensive gab es auch schon zu Spielbeginn, Freiburg war nur nicht in der Lage, sie zu bestrafen. Sie trugen aber dazu bei, daß unser Spielfluß nicht in Gang kam. Eileen auf rechts fand ich aufgrund ihrer Pressingqualitäten im Zentrum, die sichtbar fehlten, auf Außen keine gute Lösung. In Halbzeit 2 kamen zu den Fehlpässen immer wieder chaotische Zuordnung im letzten Drittel hinzu. Freiburgerinnen gänzlich blank oder 1 vs 3, ein besserer Gegner hätte das wesentlich höher bestraft. Ich nehme aus diesem Spiel tatsächlich sehr wenig Positives mit. Da ist viel Arbeit für Trainerin und Team, bis zum nächsten Spiel Lösungen zu finden. Ich muss auch sagen, ich kann in das Loblied auf unsere Torhüterin nicht einstimmen. Nadine strahlte keine Sicherheit aus, hielt mehrere Bälle nicht fest und spielte haarsträubende Fehlpässe, die Teil des ganzen Abwehrchaos in Hälfte 2 waren. Die gegnerische Torhüterin war Matchwinnerin für ihr Team, mutig, agil, fehlerfrei. Das fehlt uns, leider.

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