
60 Prozent Ballbesitz, zehn Abschlüsse, 0,87 Expected Goals – und ein 0:3 beim 1. FC Köln. Nach vier Niederlagen und 1:9 Toren lässt sich Unions Fehlstart nicht mehr allein mit dem schweren Auftaktprogramm erklären. Entscheidend ist auch nicht, ob Sophie Weidauer oder Lisa Heiseler im Sturmzentrum beginnt. Solange die Mannschaft ihre Spitze vom eigenen Spiel abschneidet, bleibt der Unterschied vor allem kosmetisch.
Köln gewann diese Partie nicht mit einem überragenden Offensivfeuerwerk. Die Gastgeberinnen waren wacher in den entscheidenden Momenten, klarer in ihren Angriffen und konsequenter darin, Berliner Schwächen auszunutzen. Union hatte Phasen mit Ball, aber zu selten Zugriff auf das, worum es eigentlich geht: Räume hinter der letzten Linie, zweite Bälle am Strafraum und Abschlüsse aus Positionen, die einer Torhüterin wirklich wehtun.
Das 0:3 zeigt: Unions Probleme hängen inzwischen zusammen.
Das 0:1 war Pech – und trotzdem kein Zufall
Der Führungstreffer wird offiziell als Eigentor von Nadine Böhi geführt. Unmittelbar zuvor hatte Taylor Ziemer eine freie Kopfballchance am langen Pfosten vergeben. Beim folgenden Abstoß wollte Union kurz eröffnen, Köln schob aggressiv nach. Laura Vogt eroberte den Ball am Berliner Strafraum, Pauline Bremer legte quer, Ziemer brachte ihn nicht sauber unter Kontrolle – und über Böhi kullerte er ins Tor.
Die letzte Berührung war unglücklich. Die Entstehung war es nicht.
Union geriet in genau die Lage, die Köln provozieren wollte: ein riskanter Aufbaupass, eine Empfängerin unter unmittelbarem Druck und kaum Raum für eine saubere Anschlussaktion. Schon vor dem Tor hatten die Kölnerinnen angedeutet, dass sie nach Ballgewinnen nicht lange sortieren, sondern schnell in Richtung Strafraum spielen würden. Union wollte sich spielerisch lösen, bot dafür aber weder genügend Ruhe am Ball noch verlässliche Auswege.
Es geht nicht darum, jeden Abstoß lang zu schlagen. Es geht darum, zu erkennen, wann der kurze Aufbau einen Gegner lockt – und wann man sich nur selbst in Gefahr bringt. In Köln fehlte diese Unterscheidung.
Viel Struktur, wenig Verbindung
Marie-Louise Eta stellte gegenüber dem 0:1 gegen Frankfurt zweimal um. Amber Tysiak kehrte für Tomke Schneider in die Innenverteidigung zurück, Sophie Weidauer ersetzte Lisa Heiseler im Sturmzentrum. Vor Böhi verteidigten Jill Janssens, Tysiak, Samantha Steuerwald und Judith Steinert. Davor begannen Lina Hausicke, Lisanne Gräwe und Lia Kamber; Eileen Campbell und Naika Reissner flankierten Weidauer.
Die Ausgangsordnung lässt sich unterschiedlich lesen. Im Schlosserinnen-Spielcenter ist sie als 4-2-3-1 mit Hausicke und Gräwe auf der Doppelsechs sowie Kamber hinter Weidauer erfasst. Der Union-Bericht beschreibt Hausicke eher als alleinige Sechs hinter Gräwe und Kamber. Das ist kein wirklicher Widerspruch, sondern zeigt die fließenden Rollen. Das Ziel war in beiden Lesarten dasselbe: Absicherung vor der Abwehr, Verbindung durch die Mitte, Breite und Tempo über außen. Auf dem Platz lagen diese Mannschaftsteile zu oft nebeneinander statt ineinander.
Union konnte den Ball durch das Mittelfeld bewegen. Der nächste Pass kam jedoch häufig zu spät, zu ungenau oder gar nicht. Rückte eine Außenverteidigerin vor, fehlte im Halbraum die direkte Partnerin. Ließ sich eine Mittelfeldspielerin tief fallen, entstand vor ihr ein Loch. Köln musste die Berliner Angriffe deshalb selten mit hektischen Rückwärtsläufen verteidigen. Meist blieb genug Zeit, die Mitte zu schließen und Union nach außen zu lenken.
Der frühe Ausfall von Gräwe verschärfte die Trennung. Sie musste nach einem Schlag bereits in der 32. Minute vom Feld. Für sie kam mit Nele Bauereisen eine Angreiferin. Das erhöhte die offensive Präsenz, ersetzte aber nicht Gräwes Funktion im Spielaufbau.
Kamber reagierte, indem sie sich noch häufiger in Richtung Ball bewegte. Schon vor Gräwes Auswechslung holte sie sich Zuspiele in tieferen Räumen ab; anschließend wurde das beinahe zur Notwendigkeit. So kam sie besser ins Spiel, konnte aufdrehen und unter anderem Campbell einsetzen. Der Preis: Je stärker Kamber den Aufbau unterstützte, desto seltener stand sie in der Nähe von Weidauer für eine Ablage oder den nächsten Pass bereit.
Der Eindruck, Kamber habe tiefer gespielt als zuletzt, lässt sich teilweise belegen. Gegen Freiburg und Frankfurt führte das Schlosserinnen-Spielcenter sie im 4-4-2 in der vordersten Linie, in Köln zentral hinter Weidauer. Gegen Bayern hatte sie bereits dieselbe nominelle Zehnerrolle. Neu war also nicht die Positionsbezeichnung, sondern wie konsequent sie sich den Ball auch weiter hinten holte – besonders nach Gräwes Ausfall. Das half ihrer Einbindung, verlagerte die offene Verbindungslücke aber nur einige Meter nach vorn.
Wer vorne spielt, verschwindet
Gegen Frankfurt begann Heiseler in der Spitze, in Köln erhielt Weidauer den Vorzug. Das Ergebnis blieb dasselbe: Die Mittelstürmerin war nur punktuell Teil der Angriffe.
Weidauer suchte durchaus die Tiefe. Ein Pass von Reissner verfehlte ihren Lauf nur knapp, später bekam sie einen schwierigen Volley am Strafraum nicht kontrolliert. Das waren jedoch einzelne Szenen, keine wiederkehrende Angriffsidee. Meist wartete sie zwischen den Kölner Innenverteidigerinnen auf Zuspiele, während der Ball noch im Mittelfeld oder auf dem Flügel festhing.
Darin steckt Unions eigentliche Baustelle. Bleibt die Neun hoch, fehlen ihr Anspiele und Unterstützung. Lässt sie sich fallen, ist der Strafraum leer. Weder Kamber noch die Flügel rückten konstant so nach, dass kurze Ablagen zu einer Berliner Kombination im Zentrum wurden. Auch Läufe, die eine Innenverteidigerin herausziehen und den Raum für eine Mitspielerin öffnen, waren zu selten Teil derselben Aktion.
Deshalb greift die Personalfrage zu kurz. Weidauer bringt Tempo und Tiefenläufe mit. Heiseler kann sich eher zwischen den Linien anbieten, Bälle festmachen und Kombinationen fortsetzen. Keine von beiden kann jedoch gleichzeitig den Aufbau verbinden, die letzte Linie beschäftigen und den Strafraum besetzen.
Heiseler kam erst in der 86. Minute für Janssens und zwang Lisa Schmitz noch zu einer Parade am kurzen Pfosten. Das war ein ordentlicher Impuls, aber kein Beleg dafür, dass mit ihr von Beginn an alles funktioniert hätte. Vielmehr zeigte die Szene, wie wichtig es wäre, die zentrale Angreiferin früher und häufiger in Abschlussräume zu bringen.
Mit den Kölner Zahlen wird das Muster noch deutlicher. Weidauer hatte bis zu ihrer Auswechslung in der 56. Minute gerade einmal 14 Ballkontakte. Sie spielte zehn Pässe, sieben davon kamen an. Dazu stehen kein Schlüsselpass, lediglich 0,01 Expected Assists, eine erfolglose Flanke und nur eine Ballführung über 14,3 Meter. Sechs Ballverluste unterstreichen, wie wenig Stabilität aus ihren wenigen Aktionen entstand.
Gegen Frankfurt war Heiseler mit 21 Ballkontakten in 61 Minuten ebenfalls nur am Rand beteiligt. Die Werte stammen aus zwei unterschiedlichen Spielen und sind kein fairer Leistungsvergleich zwischen beiden Stürmerinnen. Als Hinweis auf Unions Struktur sind sie dennoch stark: Egal, welcher Spielertyp vorne beginnt, das Zentrum erreicht ihn zu selten und meist ohne brauchbare Anschlussoption.
Nur 14 Ballkontakte für Sophie Weidauer gegen Köln und 21 für Lisa Heiseler gegen Frankfurt

Köln musste nicht dominant sein, nur klarer
Nach der Pause zeigte Union mehr Tempo. Hausicke trieb den Ball einmal energisch durch das Zentrum, die Mannschaft schob entschlossener nach. Doch ausgerechnet in diese bessere Phase fiel das 0:2. Nach einer Ecke wurde die zweite Hereingabe nicht verteidigt, Böhi konnte nicht entscheidend klären und Bremer köpfte ein.
Auch dieses Tor erzählt mehr als nur eine Standardschwäche. Union löste die erste Situation, aber nicht die zweite. Nach der abgewehrten Hereingabe fehlten Zugriff auf den nächsten Ball und Orientierung im Strafraum. Köln brauchte keine aufwendige Kombination. Eine erneute Flanke reichte.
Danach wurde das Spiel offener. Bauereisen erzwang einen Eckball, Kamber prüfte Schmitz, und Pujols versuchte nach ihrer Einwechslung, Egli mit einem klugen Pass einzusetzen. Die beste Chance zum Anschlusstreffer hatte Bauereisen: Sie gewann den Ball gegen die zurückweichende Laura Vogt, schoss bei offenem Tor aber darüber.
Das war die Chance, die Partie noch einmal zu öffnen. Stattdessen fand Köln später mit einem einzigen langen Ball den Raum hinter der Berliner Abwehr. Lydia Andrade setzte sich ab und schob in der 83. Minute zum 3:0 ein.
Drei Gegentore, drei verschiedene Ursachen: ein Ballverlust im kurzen Aufbau, mangelnder Zugriff nach einem Standard und fehlende Absicherung gegen Tiefe. Köln zerlegte Union nicht mit einem einzigen Muster. Die Berlinerinnen boten je nach Spielphase eine andere Angriffsfläche.

Standards und Wiederanpfiffe werden zum Saisonproblem
Pauline Bremers Kopfball zum 0:2 steht nicht für sich. Von Unions neun Gegentoren in den ersten vier Ligaspielen fielen fünf direkt nach einem ruhenden Ball oder in dessen zweiter Phase: Bayerns 0:1 per direktem Freistoß und das 0:3 im Anschluss an einen weiteren, Freiburgs Siegtreffer nach einer Ecke, Frankfurts Tor nach einem Freistoß und nun das Kölner 0:2 nach einer zunächst nur halb geklärten Ecke.
Dabei geht es nicht allein um Kopfballstärke. Union verliert nach dem ersten Kontakt zu häufig die Orientierung: Wer greift den zweiten Ball an? Wer hält die Strafraumlinie? Wer übernimmt eine Gegenspielerin, wenn die ursprüngliche Zuordnung durch das Klären aufgelöst ist? Köln musste genau diese kurze Unordnung nur einmal sauber bespielen.
Fünf von neun Union-Gegentoren fielen nach Standards oder deren zweiter Phase
Auch der Zeitpunkt wiederholt sich. Gegen Bayern fiel das 0:2 in der 47. Minute, in Freiburg das 0:1 in der 54., in Köln das 0:2 in der 50. Minute. Drei der vier bisherigen Gegner trafen kurz nach der Pause. Eta sprach nach dem Spiel davon, dass ihre Mannschaft Rückschläge momentan schlecht verkrafte. Mindestens ebenso dringend ist die Frage, warum Union nach dem Wiederanpfiff regelmäßig einen Rückschlag zulässt.
Rechts entsteht Gefahr – und damit Berechenbarkeit
Wenn Union gefährlich wird, ist Jill Janssens auffallend oft beteiligt. Gegen Bayern bereitete ihre Flanke über Weidauers Kopfballablage Bauereisens Treffer vor. Gegen Frankfurt entstand Campbells gute späte Möglichkeit nach einem Janssens-Ball von der Grundlinie. In Köln war es erneut Janssens, die mit Tempo Raum gewann, selbst knapp über das Tor schoss und Kamber per Flanke suchte.
Das ist eine erkennbare Stärke, inzwischen aber auch eine Abhängigkeit. Union gelangt über Janssens dynamischer nach vorn als durch das Zentrum. Dadurch enden viele Angriffe in ähnlichen Bildern: Vorstoß rechts, Flanke, eine isolierte Spitze gegen mehrere Verteidigerinnen. Ohne Läufe an den ersten Pfosten, Besetzung des Rückraums und eine Spielerin für abgewehrte Bälle wird aus einer guten Hereingabe schnell nur der nächste Ballbesitzwechsel.
Böhi erlebte unterdessen einen bitteren Nachmittag, war am 0:1 unglücklich beteiligt, verhinderte mit Paraden gegen Sophie Nachtigall und in weiteren Situationen aber eine frühere Entscheidung. Das Ergebnis taugt nicht für eine pauschale Torwartdebatte.
Von den Einwechselspielerinnen brachte Bauereisen die größte unmittelbare Gefahr. Pujols deutete mit ihrem Pass auf Egli an, dass sie dem Spiel zwischen den Linien helfen kann. Anna Weiß und Egli kamen gemeinsam mit Pujols nach dem 0:2 für Reissner, Steinert und Weidauer. Der Dreifachwechsel erhöhte die Aktivität, veränderte aber nicht mehr die Kräfteverhältnisse.
Vor Leipzig braucht Union keine neue Parole
Nach vier Spielen steht Union ohne Punkt und mit drei torlosen Partien in Folge da. Eta sagte nach dem Abpfiff, ihre Mannschaft habe zu wenig Klarheit im letzten Drittel und könne Rückschläge derzeit schlecht verarbeiten. Beides war in Köln sichtbar. Nach dem 0:1 verlor Union den Zugriff auf die Partie, nach dem 0:2 dauerte es erneut, bis sich die Mannschaft fing.
Gegen RB Leipzig am Sonntag, 20. September, reicht es deshalb nicht, lediglich mutiger oder effizienter sein zu wollen. Union braucht konkrete Lösungen.
Wer bietet sich an, wenn die Innenverteidigung im Aufbau angelaufen wird? Wer besetzt den Raum um die Mittelstürmerin? Welche Läufe öffnen den Halbraum, wenn der Ball auf den Flügel geht? Und wie bleibt die Mannschaft abgesichert, wenn mehrere Spielerinnen nach vorn schieben?
Die wichtigste Frage lautet nicht Weidauer oder Heiseler. Sie lautet: Wie schafft Union es, dass die eigene Neun überhaupt am Spiel teilnimmt?
Solange darauf keine Antwort folgt, wird jede Mittelstürmerin allein aussehen – und jeder ordentliche Ballbesitzwert größer wirken, als er tatsächlich ist.







Ein Kommentar
Besser ist die aktuelle Situation nicht zusammenzufassen.
Das Potential von Lia Kamber kommt kaum zur Wirkung, weil sie z.B. ihre technischen Fähigkeiten und ihre Dynamik nicht zu einem Sololauf in den Strafraum mit direktem Abschluss nutzt.
Auch das ist mal ein probates Mittel, die Abwehr vor Probleme zu stellen, wenn diese auf einen Pass spekuliert.
Statt dessen verschleisst sie sich mit permanenten hohen Anläufen quer über das Feld im Sinne von Gegenpressing.