Union verliert zum Bundesliga-Auftakt mit 1:4 gegen Bayern München. Ein Ergebnis, das ziemlich eindeutig aussieht – und trotzdem nur bedingt erzählt, was am Freitagabend in der Alten Försterei passiert ist. Denn Union wurde vom Deutschen Meister nicht dominiert, sondern vor allem für eigene Fehler konsequent bestraft. Dazwischen war eine Mannschaft zu sehen, die an ihrer Spielidee festhielt, selbst Fußball spielen wollte und nach den Wechseln zeigte, welche Möglichkeiten in diesem Kader stecken.

Nach dem 3:1 gegen Paris Saint-Germain hatten wir an dieser Stelle darüber geschrieben, dass Union unter Marie-Louise Eta offenbar nicht mehr nur unangenehm zu bespielen sein möchte, sondern selbst aktiv agieren will: hohes Anlaufen, schnelles Nachrücken und der Versuch, direkt in die Offensive zu kommen.
Das sah gut aus. Es war aber Vorbereitung.
Gegen Bayern stellte sich erstmals unter Wettbewerbsbedingungen die Frage, wie viel von diesem Ansatz Bestand haben würde, wenn der Gegner sich aus hohem Druck herausspielen kann und Fehler im Aufbau sofort bestraft.
Die Antwort fiel trotz des Ergebnisses positiv aus. Union konzentrierte sich nicht ausschließlich auf einen tiefen Block. Die erste Münchner Aufbaulinie wurde immer wieder früh angelaufen, nach Ballgewinnen rückte das Team nach und eigene Ballbesitzphasen wurden nicht vorschnell durch lange Bälle aufgegeben. Das funktionierte nicht durchgehend; im Zentrum fehlte mitunter noch die Abstimmung. Trotzdem gelang es Bayern über weite Strecken nicht, Union dauerhaft am eigenen Strafraum festzusetzen.
Bayern war besser – aber nicht unerreichbar
Natürlich gewann Bayern verdient. Die Münchnerinnen hatten die besseren Möglichkeiten und jene individuelle Qualität, die den Unterschied macht. Eine Machtdemonstration war es trotzdem nicht. Vielmehr entstand das Gefühl, dass der Abstand kleiner sein kann, als man vermuten würde.
Bayern wirkte an diesem Abend jedenfalls nicht wie ein Gegner, gegen den für Union grundsätzlich nichts zu holen gewesen wäre. Dafür musste Union allerdings ein sehr sauberes Spiel machen – und genau das gelang am Freitag noch nicht. Einige Situationen wurden zu einfach angeboten. Ohne diese Fehler, mit etwas mehr Konsequenz in den eigenen Abschlüssen und an einem richtig guten Tag hätte dieses Spiel auch einen Verlauf nehmen können, bei dem Bayern Punkte in Köpenick lässt.
Das bedeutet keineswegs, Union bereits auf Augenhöhe zu sehen. Aber die Distanz wirkt kleiner. Die eigenen Fehler müssen weniger und die guten Phasen konsequenter genutzt werden.
Auch die Zahlen passen dazu: Union kam auf elf Abschlüsse, Bayern auf 14. Bei den Ecken stand es 5:7, beim Ballbesitz erreichten die Unionerinnen etwas mehr als 43 Prozent. Das sind keine Werte eines Teams, das 90 Minuten ausschließlich verteidigt.
Deutlicher wird der Unterschied bei der Qualität der Abschlüsse: Nur drei der elf Unioner Versuche kamen tatsächlich auf das Tor, bei Bayern waren es acht von 14. Während Union sich offensive Situationen erarbeitete, entwickelte Bayern daraus wesentlich häufiger echte Torgefahr.
Hinzu kam, dass der Meister für einige seiner Treffer nicht viel investieren musste. Klara Bühls direkter Freistoß zum 0:1 war individuelle Klasse, bei anderen Gegentoren half Union kräftig mit. Besonders das 0:2 unmittelbar nach der Pause steht dafür: Ein Fehler im eigenen Aufbau, Bayern bekommt den Raum und Pernille Harder ist durch.
Wenn Union in dieser Saison den nächsten Schritt machen möchte, müssen diese einfachen Ballverluste im Aufbau – die kaum noch abzusichern sind – seltener werden. Das ist der Teil dieses 1:4, über den gesprochen werden muss. Gleichzeitig ist es ein Fehlerbild, an dem sich arbeiten lässt. Die grundsätzliche Spielanlage scheiterte keineswegs am Münchner Druck. Teuer wurden vor allem jene Momente, in denen die eigene Ordnung verloren ging.
Die Idee aus Paris hat den ersten Härtetest bestanden
Abseits der Gegentore war vieles von dem wiederzuerkennen, was sich in der Vorbereitung angedeutet hatte. Samantha Steuerwald und Amber Tysiak waren mit 78 beziehungsweise 72 Ballkontakten stark in den Spielaufbau eingebunden. Statt den Ball unter Druck nach vorne zu schlagen, suchte Union den Weg über die Innenverteidigung und das zentrale Mittelfeld.
Dort spielte Lisanne Gräwe eine wichtige Rolle: 45 Pässe, 98 Prozent Erfolgsquote, sieben Balleroberungen und zwei Torschussvorlagen. Gegen einen Gegner, der Räume schnell schließt, sind das bemerkenswerte Werte.
Dennoch bleibt im Zentrum erkennbar, dass diese Mannschaft am Anfang ihrer Entwicklung steht. Nicht immer stimmten die Abstände, und nach Ballgewinnen fehlte gelegentlich die Anschlussaktion für einen kontrollierten Angriff. Die individuelle Qualität ist vorhanden, die Automatismen müssen folgen.
Auch Lia Kamber zeigte gegen Bayern ein ordentliches Spiel und immer wieder, welche Qualität sie mitbringt. Gerade bei ihr ist aber eben auch bekannt, dass noch deutlich mehr möglich ist. Wir haben bereits gesehen, was sie zwischen den Linien, mit ihrer Technik und ihrer Spielintelligenz einer Partie geben kann. Dass gegen Bayern nicht alles davon zu sehen war, ist deshalb keine Kritik an ihrem Auftritt, sondern macht vielmehr neugierig darauf, was noch kommt, wenn sie ihren Rhythmus findet und ihre Möglichkeiten über längere Phasen auf den Platz bringt.
Tomke Schneider wiederum zeigte sehr deutlich, was bereits funktioniert: Sie gewann alle fünf ihrer erfassten Zweikämpfe und schaffte es mehrfach, selbst mit Ball aus Drucksituationen herauszukommen.
Die Wechsel gaben Union noch einmal etwas anderes
Mindestens genauso interessant wie die Startelf war die Wirkung der Bank. Beim Stand von 0:3 hätte die Partie problemlos auslaufen können. Stattdessen brachten die Wechsel frische Dynamik.
Sophie Weidauer gab der Mannschaft in der Spitze mehr Präsenz, um vertikale Zuspiele unter Gegnerdruck festzumachen. Dadurch konnte Union nachrücken, statt sofort wieder in die defensive Umschaltbewegung gezwungen zu werden. Naika Reißner brachte über die Außenbahn Tempo und stellte nach Ballgewinnen wieder mehr Tiefe her. Und Nele Bauereisen machte genau dort weiter, wo sie in den letzten Wochen aufgehört hatte.
Das 1:3 durch Bauereisen nach Vorarbeit von Weidauer war nicht nur Ergebniskosmetik, sondern Ausdruck einer engagierten Schlussphase. Marie-Louise Eta wechselte nicht einfach müde Beine aus, sondern brachte andere Profile auf den Platz. Für ihre intensive Spielweise dürfte diese Tiefe im Kader im Laufe der Saison noch entscheidend werden.
17.083 – und ein Abend, der längst nicht mehr außergewöhnlich wirkt
Bei all der Analyse lohnt sich der Blick auf die Tribünen: 17.083 Zuschauerinnen und Zuschauer beim Saisonauftakt in der Alten Försterei. Freitagabend, Flutlicht, Bayern München – und eine Atmosphäre, bei der längst klar ist, dass sich der Frauenfußball bei Union seinen Platz nicht erst erarbeiten muss.
Man gewöhnt sich erstaunlich schnell an solche Zahlen. Vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar, eröffnet Union nun vor über 17.000 Menschen die Bundesliga. Und selbst bei einem 0:3 entstand nicht das Gefühl, dass Spielerinnen oder Stadion die Partie abgehakt hatten.
„Ein Schlachtruf – Eisern Union – wie Donnerhall“
Passend dazu setzte die Gegengerade schon vor dem Anpfiff ein Ausrufezeichen. Zur Hymne gingen links und rechts die rot-weißen Schals nach oben, während im Mittelblock rot-weiße Luftballons das Bild bestimmten. Davor das große Banner mit den Unionerinnen und der Zeile: „Ein Schlachtruf – Eisern Union – wie Donnerhall.“

Eine Choreografie, die einem solchen Saisonauftakt absolut würdig war – und die zeigte, wie Frauenfußball und gelebte Fankultur zusammengehen können. Bei Union ist das längst Realität. Die Unionerinnen werden nicht einfach nur gut besucht. Rund um diese Mannschaft ist eine eigene Fankultur gewachsen, die sie als selbstverständlichen Teil des Vereins lebt.
Eine Nähe, die nicht verloren gehen sollte
Gerade weil diese Verbindung so besonders ist, gehört allerdings auch etwas angesprochen, das nicht erst an diesem Freitag auffiel: Nach Abpfiff nehmen sich einige Spielerinnen viel Zeit für Autogramme, Fotos und den Kontakt zu den Fans, andere sind nach der gemeinsamen Verabschiedung dagegen sehr schnell in der Kabine. Gerade seit der Rückrunde der vergangenen Saison ist häufiger zu beobachten, dass diese unmittelbare Nähe etwas nachgelassen hat.
Dabei war genau sie immer ein besonderer Teil der Spiele der Unionerinnen. Kinder, die nach Abpfiff am Zaun auf ein Autogramm warten, kurze Gespräche und gemeinsame Fotos mögen Kleinigkeiten sein. Aus genau solchen Kleinigkeiten entsteht aber Identifikation – mit einzelnen Spielerinnen, mit einer Mannschaft und irgendwann mit einem Verein.
Ein Teil der Entwicklung hat sicherlich auch mit professionelleren Abläufen zu tun. Spielerinnen mit geringer oder keiner Einsatzzeit beginnen teilweise unmittelbar nach Abpfiff mit ihrer notwendigen Nachbelastung, absolvieren Läufe und Sprints auf dem Platz, während andere Spielerinnen noch bei den Fans sind. Das ist aus Sicht der Belastungssteuerung nachvollziehbar und war bereits nach der Winterpause der vergangenen Saison häufiger zu beobachten.
Trotzdem wäre es vielleicht an der Zeit, den Ablauf noch einmal zu überdenken. Gerade bei Heimspielen wäre es schön, wenn zunächst alle Spielerinnen die Möglichkeit hätten, gemeinsam an die Tribünen und Zäune zu gehen und sich zumindest von den Fans zu verabschieden, bevor das individuelle Programm beginnt. Es geht nicht um eine halbstündige Autogrammstunde nach 90 Minuten Fußball, sondern um ein paar Minuten gemeinsamer Präsenz.
Bei aller notwendigen und erfreulichen Professionalisierung sollte etwas nicht verloren gehen, das die Unionerinnen über Jahre mit ausgezeichnet hat: die unmittelbare Verbindung zwischen Tribüne und Rasen. Sie ist ein Teil dieser Entwicklung – und sie ist es wert, bewusst gepflegt zu werden.
Drei, die aufgefallen sind
Lisanne Gräwe – eine Lücke, die diesmal aufgefangen wurde
Tanja Pawollek fehlte erneut – normalerweise ein Verlust, der im Unioner Spiel schnell zu spüren ist. Gegen Bayern zeigte sich aber, dass die Mannschaft diese Lücke inzwischen besser auffangen kann. Einen wichtigen Anteil daran hatte Lisanne Gräwe.
98 Prozent ihrer 45 Pässe kamen an, dazu sieben Balleroberungen und zwei Torschussvorlagen. Gräwe war nicht nur eine sichere Anspielstation im eigenen Ballbesitz, sondern arbeitete stark gegen den Ball und war an der Vorbereitung eigener Abschlüsse beteiligt.
Und trotz dieser Zahlen bleibt das Gefühl, dass wir noch gar nicht ihre Topform sehen. Gräwe kommt erst noch dort hin, die Abläufe mit ihren Mitspielerinnen werden selbstverständlicher werden – und genau deshalb sind diese Werte zum Saisonstart so spannend. Wenn das der Ausgangspunkt ist, darf man ziemlich neugierig darauf sein, was noch kommt.
Tomke Schneider – Zahlen, die zu ihrem Spiel passen
Fünf Zweikämpfe geführt, fünf gewonnen. Drei Dribblings versucht, drei erfolgreich. Dazu vier Balleroberungen, zwei abgefangene Bälle und drei klärende Aktionen.
Bei Tomke Schneider passten die Zahlen ziemlich genau zu dem Eindruck, den sie auf dem Platz hinterließ. In den direkten Duellen war sie kaum zu überwinden und bekam gleichzeitig immer wieder Zugriff auf Situationen, bevor Bayern daraus wirklich gefährlich werden konnte.
Bemerkenswert war dabei nicht nur ihre Arbeit gegen den Ball. Schneider löste Drucksituationen mehrfach selbst mit Ball, statt ausschließlich den Sicherheitsball zu wählen. Drei erfolgreiche Dribblings bei drei Versuchen gegen Bayern unterstreichen das. Sie verteidigte ihre Seite konsequent und half Union gleichzeitig dabei, aus dem Münchner Druck wieder ins eigene Spiel zu kommen.
Ein richtig starker Auftritt, bei dem die Statistik ziemlich genau das bestätigt, was auf dem Platz zu sehen war.
Nele Bauereisen – aus guter Vorbereitung wird eine echte Option
Bauereisen nutzte ihre 16 Minuten Spielzeit: zwei Abschlüsse, ein Schuss aufs Tor, 0,3 Expected Goals – und das erste Union-Tor dieser Bundesligasaison.
Dabei geht es längst nicht nur um diesen Treffer. Sie wirkt in ihren Aktionen immer selbstverständlicher und bestätigt unter Wettbewerbsbedingungen den Eindruck, den sie bereits in den Testspielen hinterlassen hatte. Aus einer positiven Überraschung der Vorbereitung wird zunehmend eine ernsthafte Option für mehr Spielzeit.
Warum dieses 1:4 trotzdem Lust auf mehr macht
Vor einem Jahr ging es für Union zunächst darum, in der Liga anzukommen. Nach diesem Auftakt stellt sich eine andere Frage: Wie schnell kann diese Mannschaft den Abstand zur Spitze verkürzen?
Paris gab in der Vorbereitung einen ersten Eindruck vom Weg unter Marie-Louise Eta. Bayern war nun der Härtetest. Das Ergebnis war deutlich schlechter, der fußballerische Eindruck nicht.
Die Fehler im Aufbau müssen weniger werden, das Zentrum braucht noch feinere Verbindungen und aus den eigenen offensiven Situationen muss häufiger echte Torgefahr entstehen. Das sind keine kleinen Aufgaben. Aber Union beginnt nicht bei null. Die Mannschaft besitzt bereits das Niveau, um selbst gegen den Meister an ihrer Spielidee festzuhalten, und verfügt über einen Kader, der von der Bank neue Impulse und unterschiedliche Profile bringen kann.
Für einen Sieg gegen Bayern hat es am Freitag noch nicht gereicht. Für die Aussicht auf eine ziemlich spannende Saison allemal.
Das 1:4 bleibt eine deutliche Niederlage. Wer die 90 Minuten gesehen hat, weiß aber: So groß wie das Ergebnis war der Abstand auf dem Rasen keineswegs.

⸻
Noch tiefer in die Zahlen: Wer die Statistiken der Unionerinnen aus dem Bayern-Spiel genauer nachlesen möchte, findet in unserem neuen Statistikbereich auf dieschlosserinnen.de/statistiken die individuellen Werte der Spielerinnen zu Abschlüssen, Pässen, Zweikämpfen, Dribblings und vielen weiteren Kategorien.






Ein Kommentar
Um es zu ergänzen:
Beim vielgelobten 2:3 in der letzten Saison gab es 4 : 27 Torschüsse, ein Passquote von 71% und 31% Ballbesitz.
Nicht nur von diesen Daten, auch vom Spiel selbst her haben die Unionerinnen einen großen Schritt nach vorne gemacht, um den Bayern Paroli zu bieten.
Was das Team unbedingt abstellen muss, sind die kapitalen individuellen Fehler, aus denen 3 von 4 Toren entstanden sind.
Und die Chancenverwertung war leider ausbaufähig.
Wer wer weiß, wie das Spiel gelaufen wäre, wenn Eileen einen besseren ersten Kontakt vor ihrer Großchance gehabt hätte. In dieser Situation war zu sehen, wie langsam die Abwehr der Bayern ist und daß wir nicht nur eine Offensive haben, die dieser Defensive davonlaufen kann- siehe Naika und Jill vor dem 1:3.
Dem 0:1 gingen uncleveres Zweikampfverhalten, eine falsch gestellte Mauer und verbesserungswürdiges Stellungsspiel von Cara voraus.
Das 0:2 wurde durch einen sehr schlechten Pass direkt zu den gegnerischen Stürmerinnen eingeleitet.
Wenn die Eisernen ihre eigenen Fehler minimieren können, ist von diesem Team eine Menge zu erwarten. U.N.V.E.U.