Dieser Artikel ist im aktuellen Stadionheft zum Spiel der Profi-Männer gegen den VfL Wolfsburg am 18. April 2026 erschienen. Für alle, die ihn dort nicht lesen konnten, gibt es ihn hier.

Beste Aufsteigerinnen seit 19 Jahren – der Weg dorthin: pure Union-DNA
27 Punkte nach 22 Spieltagen. So viele Punkte hat seit 19 Jahren kein Bundesliga-Aufsteiger mehr gesammelt. Der Klassenerhalt ist bereits vier Spieltage vor Schluss gesichert. Die Frauen haben damit erneut Historisches erreicht. Und doch war der Weg dorthin alles andere als leicht.
Diese Mannschaft musste in ihrer ersten Bundesligasaison der Vereinsgeschichte zahlreiche Enttäuschungen und immer neue Nackenschläge überstehen. Nichts wurde ihr geschenkt, alles musste sie sich hart erarbeiten. Das durchzustehen und daran zu wachsen – das ist Union-DNA pur.
Ein Umbruch, der eigentlich Zeit gebraucht hätte
Die Ausgangslage war anspruchsvoll: 14 Abgänge, 15 Neuzugänge. Ein Kader, der sich neu finden musste – nicht in Ruhe, sondern direkt auf Bundesliganiveau. Die Vorbereitung begann voller Euphorie: über 13.000 Zuschauer im Stadion An der Alten Försterei gegen Real Madrid, dazu ein 2:0-Testspielsieg bei Vizemeister VfL Wolfsburg. Doch die Realität ließ nicht lange auf sich warten.
Hinrunde: Das Problem der Verfügbarkeit
In einer Phase, in der sich ein neu zusammengestelltes Team eigentlich stabilisieren müsste, haben Ausfälle genau das verhindert. Rotationen waren nicht strategisch, sondern erzwungen. Abläufe mussten immer wieder angepasst werden. Entwicklung entsteht kaum, wenn im Training zeitweise bis zu 14 Spielerinnen fehlen.
Das hat Prozesse verlangsamt – und erklärt, warum Fortschritte zunächst weder konstant auf dem Platz noch in Punkten sichtbar wurden.
Die Bundesliga hat schnell gezeigt, worum es geht – und wie groß der Unterschied zur 2. Liga ist: höheres Tempo, mehr Intensität, weniger Zeit für Entscheidungen. Die Hinrunde machte deutlich, in welchen Bereichen das Team noch lernen musste.
Nach einem ordentlichen Start mit sieben Punkten aus sieben Spielen folgten sechs Ligaspiele mit nur zwei Punkten – darunter das bittere Pokal-Aus gegen Jena. Gleichzeitig gab es aber auch Spiele, die das eigentliche Leistungsvermögen sichtbar machten. Das 5:0 gegen RasenBallsport Leipzig ist dafür das beste Beispiel – ein Spiel, in dem vieles genauso funktionierte, wie gedacht.
Das Problem: Diese Leistung war noch nicht reproduzierbar. Ein zentraler Grund dafür war die Verletzungssituation.
Rückrunde: Struktur statt Suche
Der Unterschied zur Rückrunde lässt sich klar benennen: Verfügbarkeit, Klarheit, Wiederholbarkeit – und mehr Mut.
Mit zurückkehrenden Spielerinnen wurden Strukturen stabiler. Rollen haben sich gefestigt, Abläufe greifen inzwischen deutlich häufiger – auch unter Druck. Das spiegelt sich unmittelbar in den Zahlen wider: 15 Punkte aus neun Spielen – bereits mehr als in der gesamten Hinrunde.
Der 4:1-Heimsieg im März gegen Werder Bremen steht exemplarisch für ein Team, das nicht mehr nur reagiert, sondern aktiv kontrolliert – und zunehmend abrufen kann, was in diesem Kader steckt.
Auch das 3:3 in Wolfsburg hat gezeigt, dass diese Leistung kein Ausreißer war – und dass das Team auch gegen die Topteams der Liga bestehen kann.
Einordnung: Mehr als ein Aufsteiger
„Bester Aufsteiger seit 19 Jahren“ ist eine starke historische Einordnung dieser ersten Bundesligasaison – aber sie trifft nicht den Kern. Denn dieses Team definiert sich längst nicht mehr über seine Ausgangslage als Aufsteiger, sondern über seine Leistung.
Die Art, wie gespielt wird, passt nicht mehr zu einem Neuling – sondern zeigt: Union gehört in diese Liga.
Vielleicht hat es genau diese Saison gebraucht, um die Entwicklung der letzten Jahre zu bündeln – und zu zeigen, dass Erfolg auf diesem Niveau noch härter erarbeitet werden muss. Es kann die Basis sein, auf der dieses Team weiter wächst. Ein Weg, der diese Mannschaft noch stärker mit Union-DNA auflädt.
Diese Saison sollte niemanden in seiner Euphorie bremsen. Gerade vor dem Hintergrund, dass dieser Weg in der kommenden Saison mit Marie-Louise Eta als Cheftrainerin weitergeht und ein Team von Aileen Poese übernimmt, das bereit für den nächsten Entwicklungsschritt ist, sollte die Euphorie eher größer als kleiner werden.
Strukturen als Grundlage
Ein entscheidender Faktor liegt in den Strukturen des Vereins.
Ein gemeinsames Profi-Trainingszentrum für Männer und Frauen. Spiele im Stadion An der Alten Försterei. Ein Zuschauerschnitt auf europäischem Spitzenniveau. Das sind keine Randbedingungen – das ist ein klares Bekenntnis.
Die Frauen sind nicht angegliedert, sondern integraler Bestandteil des Vereins.
Im Vergleich mit anderen Clubs in Deutschland wird sichtbar, dass diese Form der strukturellen Gleichstellung ein Wettbewerbsvorteil sein wird – auch für die kommenden Jahre. Mit der Eröffnung des neuen Profi-Trainingszentrums gilt: Wer Profi beim 1. FC Union Berlin ist, erlebt denselben Arbeitsalltag – unabhängig vom Geschlecht.
Das wird auch auf dem Transfermarkt eine Rolle spielen. Spielerinnen fragen: Wo trainiere ich? Wo spiele ich? Was bedeutet es, Profi bei diesem Klub zu sein?
Bei Union ist die Antwort klar: Du erlebst einen Alltag dort, wo das Herz dieses Vereins schlägt. Du trainierst in einem Umfeld, das identitätsstiftend ist – und spielst in einem Stadion, das diesen Club prägt.
Die Nutzung der Infrastruktur ist keine Frage des Geschlechts, sondern des Profistatus.
Die offene Frage
Wenn wir erkennen, welche Stärke der Verein aus dieser Entwicklung zieht – und welchen Beitrag diese Mannschaft bereits zur Weiterentwicklung des gesamten Klubs leistet – dann drängt sich eine größere Frage auf:
Wenn wir unseren Frauen auf dem Platz diesen Respekt und diese Wertschätzung entgegenbringen und Strukturen schaffen, die ihnen ermöglichen, den Verein stärker zu machen – gelingt uns das auch abseits des Spielfelds?
Erhalten die Frauen auf den Rängen dieselbe Wertschätzung wie die Männer auf dem Platz? Werden ihre Bedürfnisse im Stadionerlebnis und in der Zugehörigkeit genauso ernst genommen?
Oder gibt es auch hier noch Schritte, die wir gehen müssen – vielleicht längst hätten gehen sollen?
Ganz besonderer Dank gilt der Redaktion des Stadionheftes insbesondere Marian und Bea für die sensationell schöne Gestaltung des Artikels im Heft. Merci 🙏





