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Trotz Niederlage gegen Bayern München – Union ist weiter, als der Tabellenplatz zeigt

Union Berlin unterliegt in einem hochklassigen und intensiven Spiel knapp mit 2:3 gegen Bayern München. 

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Hannah Eurlings im Kampf um den Ball. Credit: Gonzales Photo/Alamy

Was dieses Spiel wirklich zeigt?

Dieses Spiel verändert vielleicht nicht den Tabellenplatz – aber es bekräftigt den bestehen Blick auf dieses Team.

Was sich in den vergangenen Wochen gegen Bremen, Wolfsburg und Leipzig bereits angedeutet hat, bestätigt sich nun auch gegen Bayern: Diese Leistungen sind kein Ausreißer mehr, sondern ein Muster. Union ist nicht mehr nur ein unangenehmer Gegner, sondern ein Team, das auf diesem Niveau mithalten kann. Es ist ein hohes Leistungsniveau, auf dem Union mittlerweile angekommen ist und dies konstant in den letzten Spielen abrufen kann. 

Das Entscheidende dabei ist weniger das Ergebnis als die Art und Weise. Es wirkt nicht mehr überraschend, wenn Union gegen Topteams stabil ist, Lösungen findet und im Spiel bleibt.

Der Tabellenplatz 9 auf dem Union steht, bildet diesen Entwicklungsschritt aktuell nicht ab. Die Leistung hingegen schon.

Das Spiel selbst – Wie Union Bayern gespielt hat

Die Ausgangslage war klar: Bayern mit deutlich mehr Ballbesitz, Union in einer kompakten Grundordnung mit klarer Staffelung. Entscheidend war aber, dass diese Rolle nicht passiv angelegt war.

Das war kein Reagieren. Das war ein Plan.

Union hat die Räume bewusst eng gehalten, die Abstände sauber organisiert und Bayern gezwungen, viel Ballbesitz in Zonen zu haben, die wenig Gefahr erzeugen. Es ging nicht darum, das unvermeidliche Ballbesitzspiel der Bayern zuzulassen, aber eben zu kontrollieren, wo sie den Ball haben dürfen – und genau das ist gelungen.

Mit Ball – der unterschätzte Teil

Der größte Entwicklungsschritt in diesem Spiel zeigt sich im Umgang mit dem Ball.

Union hat sich nicht auf Entlastungsaktionen beschränkt, sondern aktiv Lösungen gesucht. Nach Ballgewinnen wurden Situationen nicht einfach geklärt, sondern versucht sauber auszuspielen. Die Kombinationen waren mutig, die Entscheidungen klar, die Anschlussaktionen vorhanden. Nicht immer klappte alles, aber die Ideen waren da.

Gerade aus der eigenen Kompaktheit heraus entstanden immer wieder Momente, in denen Union das Spiel selbst gestalten konnte. Das hat Bayern nicht nur beschäftigt, sondern auch daran gehindert, dauerhaft Druck aufzubauen.

Und genau dieser Punkt macht den Unterschied zu vielen anderen Spielen in denen Bayern die Gegner eigentlich nur wie beim Handball vor dem eigenen Strafraum einschnürt.

Gegen den Ball

Bayern hatte – vor allem in der ersten Halbzeit – deutlich mehr Ballbesitz. Das Spielgefühl war dennoch ein anderes als in vielen vergleichbaren Partien.

Union stand stabil, hielt die Abstände eng und ließ nur wenige klare Durchbrüche zu. Bayern musste sich Chancen erarbeiten, anstatt sie sich durch dauerhaften Druck zu erzwingen.

Die zweite Halbzeit verschiebt das Kräfteverhältnis zusätzlich. Der Ballbesitz wird ausgeglichener (von 25:75 auf 40:60), Union wird mutiger und kommt selbst zu längeren Ballbesitzphasen. Das Spiel bleibt intensiv, aber es entwickelt sich zunehmend auf Augenhöhe.

Wichtig ist dabei die Einordnung: Ja, es war ein schweres Spiel. Aber es war keines, das ausschließlich über Kampf definiert wurde.

Die Stabilität entstand nicht nur durch Einsatz, sondern durch fußballerische Qualität – in der Struktur, in den Abläufen und in den individuellen Lösungen.

Das wird besonders deutlich im Vergleich: Bayern hat in dieser Saison gegen die direkten Verfolger (Wolfsburg, Frankfurt, Hoffenheim) durchgehend mit mindestens zwei Toren Unterschied gewonnen oder deutlich höher und diese Spiele klar kontrolliert.

Gegen Union war das anders.

Zwei Gegentore – mehr als gegen jedes andere Team in einem Bundesligaspiel in dieser Saison.

Der Leistungsunterschied zwischen beiden Teams ist noch da. Aber er ist deutlich kleiner geworden.

Spielerinnen im Fokus

Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur im Kollektiv, sondern auch in einzelnen Spielerinnen, die dieses Niveau inzwischen konstant abbilden.

Judith Steinert war ein zentraler Stabilitätsfaktor. Ihre Entscheidungsfindung war ruhig und klar, ihre Spielfortsetzungen sauber. Die Kombination aus hoher Passsicherheit (88 %), defensiver Präsenz (geblockte Schüsse, Balleroberungen) und gewonnener Zweikämpfe macht ihre Leistung besonders wertvoll – gerade in einem Spiel, das über Struktur funktioniert. Dass sie am Ende sichtbar erschöpft ausgewechselt wurde, unterstreicht, wie viel sie investiert hat.

Lia Kamber hat dem Spiel sowohl physisch als auch strukturell Stabilität gegeben. Ihre Zweikampfführung (5 von 6 gewonnen), ihre Balleroberungen und vor allem ihre Ballsicherheit (83 % Passquote bei einem Teamdurchschnitt von 71 %) waren entscheidend, um unter Druck kontrollierte Lösungen zu finden. Sie war nicht nur defensiv wichtig, sondern ein zentraler Baustein im Spielaufbau.

Sophie Weidauer hat erneut gezeigt, warum sie offensiv so wichtig ist. Ihr Einfluss geht weit über Abschlüsse hinaus. Sie bindet Gegner, startet die richtigen Läufe, hält Bälle und sorgt für Verbindungen im Spiel. Gleichzeitig bringt sie eine enorme Intensität gegen den Ball mit und schafft es, das Publikum mitzunehmen. Sie ist der Fixpunkt, an dem sich viele Offensivaktionen orientieren.

Es sind genau diese Spielerinnen, an denen sich die Entwicklung dieses Teams konkret festmachen lässt.

Die Grenze – Was noch fehlt

So klar die Entwicklung erkennbar ist, so klar zeigte aber auch dieses Spiel eine Grenze auf. Um auf diesem internationalen Topniveau dauerhaft mithalten zu können, wird es weiter notwendig sein, die Qualität des Kaders auf einzelnen Positionen zu steigern. Die Verpflichtung von Jill Janssens ab Sommer ist eine sehr zielgenaue Qualitätssteigerung, aber es wird noch die ein oder andere weitere Verpflichtung bedürfen, damit das Ziel internationaler Fußball im Stadion an der alten Försterei wieder möglich ist. 

Der Abstand zu den Topclubs ist nicht mehr grundlegend.

Er liegt nun viel mehr in den Details. In einzelnen Situationen, in der letzten Konsequenz, in der Fähigkeit, dieses Niveau über die gesamte Saison konstant zu halten.

Union ist an diesem Punkt deutlich näher dran als noch vor wenigen Monaten.

Aber genau diese Details werden darüber entscheiden, ob aus Augenhöhe langfristig Konstanz wird.

Die Atmosphäre

13.220 Zuschauer an einem Mittwochabend sind mehr als nur eine gute Zahl – es ist eine Zahl, die werstschätzt, was dieses Team und dieser Verein leisten. 

Das Stadion war voll, laut und gleichzeitig geprägt von einer Atmosphäre, die bei Union besonders ist: nahbar und familiär. 

Die Menschen kommen natürlich auch, weil es ein Spiel gegen Bayern war, aber eben nicht nur.Sie kommen wegen der Art, wie dieses Team spielt.

Diese Mischung aus Intensität, Spielfreude und Authentizität überträgt sich unmittelbar. Wer dieses Team live erlebt, spürt diesen Funken der überspringt, weil alles dafür perfekt zusammen kommt. Ein Stadion, Fans mit Leidenschaft und ein Team voller Spielfreude und Lust auf ihren Job. 

Wer sich nicht spätestens an diesem Mittwochabend in dieses Team verliebt hat, der kann Fußball nie wirklich geliebt haben.


PS: Es fehlen im Übrigen nur noch 7.270 Zuschauer im letzten Heimspiel gegen Hoffenheim am Sonntag, den 10.Mai zur Marke von 100.000 Saisonzuschauern! Das ist doch machbar, Unioner:innen!

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2 Kommentare

  • Ich war zum ersten Mal bei einem Spiel von Union und ich habe mich auch bewusst für ein Spiel der Frauen als Premiere entschieden. Warum, ist im Artikel schon gut beschrieben. Bei mir kam noch hinzu, dass ich ehrlicherweise vermutet habe, dass ein Sieg wohl nicht zu erwarten war (dass ein Unentschieden dann aber realistisch schien, war dann umso besser) und ich mal sehen wollte, ob mich das dazu bringt, meine Skepsis gegenüber dem Fußball und einem Stadionbesuch zu revidieren. Das hat damit zu tun, dass ich seit dem Spiel Deutschland bis Österreich bei der WM, in dem ein mögliches erstes Weiterkommen einer afrikanischen Mannschaft verhindert wurde vom Fußball und der teilweisen Überheblichkeit der Deutschen und insbesondere des DFB sowie von GIFA und UEFA einfach angewidert war; hinzu kam, das ich auch von Vorgängen bei den Fans vieler Mannschaften (Umgang mit Fans anderer Mannschaften, teilweise Gewalt vor und nach den Spielen u.Ä., auch wenn die meisten Fans sich nicht so verhalten, man aber doch immer wieder damit rechnen muss, in solche Situationen zu geraten) abgestoßen wurde.

    Was soll ich sagen: ich habe mir jetzt für das Hoffenheim-Spiel wieder ein Ticket gekauft. Union entspricht wohl doch dem Klischee: wir sind anders.

    • Olaf, was ein toller Kommentar von dir. Danke, dass du das mit uns hier teilst. Ich finde, du triffst einen ganz wichtigen Punkt: Es geht nicht nur um Fußball. Es geht um das Gefühl, das man mitnimmt. Um die Art, wie miteinander umgegangen wird – auf dem Platz, aber eben auch auf den Rängen. Dann würde ich wohl sagen, herzlich Willkommen in der Union-Familie 😉

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