Für den HSV ging es um jeden Punkt im Überlebenskampf. Für die Unionerinnen ging es tabellarisch um wenig. Und doch stand viel auf dem Spiel. Vielleicht sogar etwas, das für diese Premierensaison in der Bundesliga entscheidender ist als eine nackte Platzierung: Es ging um Anspruch, Entwicklung und das Gefühl, mit dem diese Mannschaft in die letzten Wochen und später in die Sommerpause geht.
Geschäftsführerin Jennifer Zietz hatte im Winter ein klares Ziel ausgegeben: sechs Punkte mehr als in der Hinrunde und weniger Verletzte. Ein Sieg in Hamburg bedeutete das Knacken der 30-Punkte-Marke. Deshalb war diese Partie kein bedeutungsloser Saisonausklang, sondern ein Prüfstein dafür, wie ernst eine Mannschaft ihre eigene Entwicklung nimmt, wenn der äußere Druck längst abgefallen ist.

Die ersten Minuten zeigten sofort die Richtung
Schon in den ersten Minuten wurde deutlich, dass Union das spielerisch reifere Team war. Es waren die Details – technische Sicherheit, Qualität der Einzelspielerinnen und Spielanlage –, in denen sich Union vom HSV abhob. Während man zuletzt oft aus einer kompakten Defensive agierte und Räume für Umschaltmomente nutzte, war in Hamburg eine andere Qualität gefragt: das Spiel aktiv mit dem Ball zu kontrollieren.
Die ersten fünfzehn Minuten wirkten deshalb zunächst sehr souverän. Union hatte die Kontrolle, dominierte das Geschehen und ließ Hamburg kaum in saubere Situationen kommen. Aber Kontrolle ist nicht automatisch Gefahr. Bis in die zweite Aufbaureihe funktionierte vieles gut. Danach fehlten jedoch die Anschlussaktionen. Es fehlte Dynamik zwischen den Linien, das Tempo in den Entscheidungen und die Konsequenz, aus Überlegenheit echte Gefahr entstehen zu lassen. Union war klar überlegen – ohne wirklich gefährlich zu werden.
Wenn du den Gegner spüren lässt, dass etwas möglich ist
Im Fußball passiert dann oft etwas sehr Einfaches: Wenn du ein Spiel nicht mit voller Konsequenz an dich ziehst, spürt der Gegner irgendwann, dass hier etwas geht. Genau das passierte in Hamburg. Union hatte die Kontrolle, deutlich mehr Ballbesitz und eigentlich das Gefühl, das Spiel im Griff zu haben. Aber weil aus dieser Überlegenheit zu wenig echte Gefahr entstand, blieb Hamburg im Spiel. Und das verändert Fußballspiele.
Zuerst bekam der HSV eine Ecke, die Cara Bösl stark parierte. Nur wenige Minuten später folgte die nächste gefährliche Hereingabe, wieder musste Bösl eingreifen und den Ball festhalten. Hamburg merkte nun: Hier könnte heute etwas gehen. Union hatte den Gegner selbst zurück ins Spiel geholt – nicht weil Hamburg spielerisch besser wurde, sondern weil Union die Tür offen ließ.
Kurz danach fiel auf der anderen Seite eigentlich das 0:1. Nach einer Standardsituation brachte Lia Kamber den Ball über die Linie, Union jubelte bereits – doch die Schiedsrichterin entschied auf Foulspiel und nahm den Treffer zurück. Bis heute bleibt unklar, was genau dort gepfiffen wurde. Eine TV-Einstellung, die ein offensives Foul belegen würde, existiert nicht. Die Hamburgerin hielt sich den Kopf, aber wohl vor allem, weil sie mit diesem auf den Boden aufschlug. Was die Schiedsrichterin in dieser Szene gesehen haben will, bleibt ihre ganz exklusive Wahrnehmung.
Für Union war das ein zusätzlicher Moment der Frustration: Das Spiel eigentlich kontrolliert, eigentlich längst in Führung – und trotzdem blieb die Partie offen.
Die Belohnung in der 60. Minute und die „Mauer“ Bösl
In der zweiten Hälfte entwickelte sich ein ähnliches Bild. Union war überlegen, erspielte sich Chancen und konnte sich in der 60. Minute durch das erste Bundesligator von Amber Tysiak belohnen. Nach einem Freistoß bekam Jenny Hipp den Ball und hämmerte ihn an den Pfosten; im Nachschuss beförderte Tysiak den Ball ins Tor. Der Rettungsversuch der Hamburgerin war dabei deutlich hinter der Linie und kam zu spät.
Es war der verdiente Lohn, allerdings bedeutet im Fußball ein Vorsprung von nur einem Tor keine sichere Ausgangslage. Hamburg war nun noch mehr gefordert und schoss noch siebenmal in Richtung des Union-Tores. Aber an diesem Abend gab es kein Vorbeikommen an Cara Bösl. „Ohne Cara gewinnen wir das Spiel heute nicht“, sagte Trainerin Aileen Poese nach dem Spiel im AFTV-Interview. Bösl zeigte eine überragende Leistung mit insgesamt acht Paraden, davon sechs nach Schüssen aus dem Strafraum heraus. Ein Umstand, den der Auswärtsblock der mitgereisten Unioner bereits während und auch nach dem Spiel mit lautstarken „Cara Bösl“-Sprechchören wertschätzte.
Der Instrumentenkasten ist da – jetzt geht es um den richtigen Moment
Gerade deshalb reicht es nicht, nur festzustellen, dass Union viele Aufbauvarianten besitzt. Denn die Wahrheit ist: Der Instrumentenkasten ist längst da. Ob Zweieraufbau, Dreieraufbau, abkippende Sechserin, Doppelsechs, höhere Achterräume, breite Außenverteidigerinnen, enge Flügel oder das Andribbeln – Union hat all das im Repertoire. Das Problem gegen Hamburg war nicht, dass Union ein Werkzeug im Kasten gefehlt hätte, um die Hamburgerinnen zu knacken.
Hamburg verdichtete das Zentrum stark, machte die Mitte eng und zwang Union immer wieder dazu, Lösungen sauber auszuspielen. Was fehlte, war Dynamik. Das Spiel war zu statisch, zu kontrolliert, zu sauber gedacht – aber mit zu wenig Tempo und zu wenig Wucht gespielt.
Hier stellt sich auch eine personelle Frage: Sophie Weidauer begann auf dem Flügel, Eileen Campbell zentral im Sturm. Ein Rollentausch wäre logisch gewesen: Campbells Tiefenlaufwege und Dynamik hätten auf den Außenbahnen für Unruhe gesorgt, während Weidauers physische Präsenz im Zentrum Bälle hätte festmachen können. Doch diese Anpassung blieb aus. Wenn ein Plan zu statisch wird, braucht es den Mut, während der 90 Minuten umzudenken. Genau dort liegt auch ein nächster Entwicklungsschritt für die kommende Saison.
Als Fußball plötzlich nebensächlich wurde
Nach dem Abpfiff gab es diesen Moment, in dem das Ergebnis völlig in den Hintergrund rückte: Hamburgs Magou Doucouré brach auf dem Platz zusammen. In solchen Minuten wird Fußball sofort unwichtig. Zum Glück folgte später die Entwarnung: Doucouré war stabil und konnte das Krankenhaus kurze Zeit später wieder verlassen.
Überschattet wurde das Ende zudem durch zwei maskierte HSV-Fans, die gezielt in den Union-Auswärtsblock eindrangen, um zu provozieren. Da der Gästeblock am anderen Ende des Stadions die medizinische Notlage erst mit Verzögerung wahrnahm und noch das eigene Team feierte, entstand offenbar ein Missverständnis, das diese Männer zur „Rache“ veranlasste. Ein solches Eindringen in den Gästeblock ist eine Entwicklung, die im Fußball – egal welches Geschlecht auf dem Platz steht – niemals hingenommen werden darf.

Der Ordnungsdienst griff ein – aus Sicht mehrerer Augenzeugen jedoch erst mit deutlicher Verzögerung und nachdem die Männer schon eine Weile im Block standen, darüber diskutierten, mit wem sie Stress suchen wollen, und sich dabei maskierten. Schnell bildete sich eine Traube von Unionern um sie, bis der Ordnungsdienst übernahm und sie aus dem Block führte. Es gab keine körperliche Gewalt, aber es blieb das Gefühl einer klaren Grenzverletzung: dass es überhaupt möglich war, so unbehelligt in den Gästeblock einzudringen.
Ich habe sowohl den HSV als auch den 1. FC Union Berlin um eine Einordnung gebeten. Eine Stellungnahme des HSV lag bis zur Veröffentlichung des Artikels nicht vor. Auch öffentlich hat sich der Verein bisher nicht zu diesem Vorfall und den eigenen Lehren, die er daraus ziehen möchte, geäußert.
Union formulierte hingegen einen klaren Grundsatz. Christian Arbeit, Geschäftsführer Kommunikation äußerte sich auf unsere Anfrage wie folgt:
„Das Eindringen in Blöcke anderer Fangruppen ist in jedem Fall zu verhindern. Jede gute Veranstaltung lebt auch von einem funktionierenden Sicherheitskonzept. Je mehr Zuschauer es bei einer Veranstaltung gibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass es auch mal zu Situationen kommt, in denen der Ordnungsdienst eingreifen muss. Das gilt selbstverständlich auch für Fußballspiele der Frauen. Insofern ist jeder Veranstalter gefordert, sich darauf angemessen einzustellen.“
Genau darum geht es. Nicht um eine romantische Vorstellung vom Frauenfußball als konfliktfreiem Raum. Natürlich gehören Rivalität, Emotionen und auch Reibung zum Fußball dazu – unabhängig davon, ob Männer oder Frauen auf dem Platz stehen.
Aber es gibt einen klaren Unterschied zwischen Rivalität und gezielter Eskalation. Wer bewusst in den Block einer anderen Fangruppe geht, sich vermummt und dort provoziert, sucht keinen Support, sondern Einschüchterung, um sein eigenes Ego zu befriedigen. Und genau das darf keinen Platz haben.
Gerade im Frauenfußball ist in den vergangenen Jahren etwas gewachsen, das viele Menschen bewusst schützen wollen: Nähe, Respekt und eine etwas offenere Form von Fankultur. Nicht konfliktfrei, aber oft bewusster und menschlicher im Umgang. Das ist kein Selbstläufer. In der rasanten Entwicklung, die der Frauenfußball nimmt – Spiele in echten Stadien, organisierter lautstarker Support –, kann man sich nicht davor verschließen, die Sicherheit für alle Beteiligten entsprechend zu gewährleisten.
Dafür bedarf es keiner Hochsicherheits-Abschirmung wie teilweise im Männerfußball; minimalinvasive Methoden reichen aus. In diesem Fall wäre es Ordnern vor dem Gästebereich gewesen, die kontrollieren, wer sich Zugang verschaffen will.
Denn Nähe und Offenheit funktionieren nur dort, wo sich Menschen sicher fühlen können.
Sicher kann man sich auf jeden Fall beim nächsten Heimspiel sein. Wir brauchen mindestens 7.270 Zuschauer um die Marke von 100.000 zu erreichen. Bereits vor 2 Monaten schrieben wir, dass es möglich ist. Nun stehen wir so kurz davor. Kommt alle vorbei und bescheren dem Team ein tolles letztes Heimspiel der Saison. Karten gibt’s hier:







3 Kommentare
Ich hoffe sehr, daß so ein Vorkommnis wie in Hamburg im Frauenfußball die absolute Ausnahme bleibt. Tatsächlich ist nämlich die fehlende Gewaltbereitschaft der Fans gegenüber dem Herrenfußball eines der wichtigen Details, die Stadionbesuche für mich interessant machen.
Zum Spiel selbst: Ich habe das Spiel am TV gesehen und möchte Wasser in den Wein kippen, was die Spielweise der Unionerinnen angeht. Das Fehlen von Tanja Pawollek war mehr als nur ein bisschen zu merken. Im Spielaufbau und auch bei Ballverlusten hatten wir im Zentrum eine riesige Lücke. Lia und Jenny standen oft beide gleich hoch und mindestens eine von beiden dann deutlich zu offensiv. Und daraus entstanden für die HSV- Spielerinnen Räume, die diese für sehr gefährliche Abschlüsse zu nutzen wussten.
Stimmt, guter Hinweis! Jetzt, wo du es sagst. Ist mir vor allem bei Jenny aufgefallen, dass ich dachte: Warum bewegt sie sich im Deckungsschatten und bietet den beiden IVs nix an. Bei Lia fand ich das allerdings nicht ganz so.
Ich denke, daß Jenny den Part spielen sollte, den normalerweise Tanja übernimmt. Das hat sie aber vom Stellungsspiel her nicht gemacht, weshalb der Spielaufbau im Zentrum ohne sie stattfand. Streckenweise um sie herum, weil sie, wie Du schreibst, oft nicht anspielbar war. Von der Trainerbank wurde das zur Halbzeit nicht korrigiert, worüber ich gewundert habe.