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Der nächste Schritt: Wie Eta Unions Spiel weiterentwickelt

Dieser Artikel erschien zuerst im offiziellen Stadionheft der Union-Männer in der Ausgabe 562 zum Heimspiel gegen Borussia Dortmund am 17.10.2026. Vereinbarungsgemäß veröffentlichen wir unsere Stadionheft-Beiträge erst am nächsten Tag nach dem jeweiligen Spiel. Deshalb gibt es die Analyse nun mit etwas Verzögerung auch hier bei den Schlosserinnen zu lesen.


Der Start war hart, inzwischen wird ihre Idee immer deutlicher. Was funktioniert schon – und was noch nicht?

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Ein sonniger Sonntag in Stuttgart, bestes Fußballwetter. Union führt 1:0, die zweite Halbzeit ist gerade sechs Minuten alt. Tomke Schneider treibt den Ball auf rechts in hohem Tempo nach vorn. Jill Janssens startet vor ihr in die Tiefe, bekommt den Pass und flankt. Lina Hausicke kommt aus dem Mittelfeld nach. Kopfball. Tor. 2:0.

Ein Angriff, ein paar Sekunden – und ziemlich viel von dem, was sich unter Marie-Louise Eta gerade verändert. Stuttgart muss drei Bewegungen gleichzeitig verteidigen: Schneider mit Ball, Janssens in der Tiefe, Hausicke aus dem Rückraum. Eine öffnet den Raum für die nächste. Genau darum geht es nach rund 100 Tagen Eta: Union soll mehr können. Nicht einfach offensiver spielen, sondern mehr Situationen selbst lösen, den Gegner in unterschiedliche Entscheidungen zwingen und das Spiel häufiger in die gegnerische Hälfte verlagern. Das gelang in den ersten Wochen längst nicht immer.

Was sich unter Eta wirklich verschiebt

Als Eta im Sommer übernahm, begann bei Union keine Revolution. Ailien Poese hatte diese Mannschaft über Jahre geprägt, sie aus der Regionalliga in die Bundesliga geführt und dort gehalten. Intensität, hohes Pressing und schnelles Umschalten waren längst Teil dieses Fußballs. Eta übernahm also keine Mannschaft ohne Idee. Sie versucht, dieser Mannschaft mehr Lösungen mit und gegen den Ball zu geben.

Der Unterschied liegt weniger in einer neuen Formation als in der Gewichtung der Spielprinzipien. Union will höher verteidigen und das Geschehen weiter vom eigenen Tor entfernt halten. Im Aufbau steigt der Anspruch, auch unter Druck flach Lösungen zu finden und die erste Pressinglinie zu überspielen. Und Ballgewinne sollen möglichst dort gelingen, wo der Weg zum gegnerischen Tor kurz ist.

Auch die Ballbesitzphasen sollen mehr leisten. Sie sollen nicht nur Sicherheit geben, sondern Raumgewinn bringen: Pressing überspielen, nachrücken, den Gegner zurückdrängen, sich in dessen Hälfte festsetzen. Eta versucht, aus Ballbesitz Territorialität zu machen.

Das Entscheidende passiert aber oft erst danach. Wer die erste Pressinglinie überspielt, hat noch keinen guten Angriff gespielt. Der gewonnene Raum muss genutzt werden: mit einem vertikalen Pass, einem Lauf hinter die Kette, einer Verlagerung oder einer Spielerin zwischen den Linien. Genau hier fehlt Union noch Konstanz. Mancher gute Aufbau verpufft, weil der nächste Pass fehlt oder der freie Raum nicht attackiert wird. Aufbau ist noch kein Angriff.

Die ersten Ergebnisse zeigten das ziemlich schonungslos: vier Ligaspiele, vier Niederlagen, 1:9 Tore. Union spielte dabei nicht so schlecht, wie diese Bilanz aussah. Es gab hohe Ballgewinne, gute Phasen und Wege ins letzte Drittel. Nur entstand daraus zu selten echte Torgefahr – während eigene Fehler sofort bestraft wurden.

Fünf der ersten neun Gegentore fielen nach Standards oder deren zweiten Bällen. Auffällig war zunächst auch die Phase direkt nach der Pause: Bayern traf in der 47. Minute, Köln in der 50., Freiburg in der 54. Auch gegen Leipzig geriet Union nach dem Seitenwechsel wieder unter Druck und kassierte Gegentore. In den beiden jüngsten Spielen blieb diese anfällige Phase dagegen ohne Folgen. Gelöst ist das Problem damit noch nicht. Aber erstmals deutet sich an, dass Union auch an dieser Stelle stabiler wird.

Union hatte kein Ideenproblem.
Union hatte ein Wirkungsproblem.

Gegen Leipzig drohte, sich das zu wiederholen. 29 Abschlüsse, 43 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum – und nach 71 Minuten trotzdem 1:2 hinten. Dann traf Samantha Steuerwald zum Ausgleich, Eileen Campbell in der 89. Minute zum 3:2. Erstmals wurde der Aufwand auch in der Liga belohnt.

Union kommt dahin, wo es wehtut

Inzwischen lässt sich das auch messen. In den ersten drei Ligaspielen kam Union auf durchschnittlich 13,3 Abschlüsse, in den folgenden drei auf 19,0. Noch deutlicher ist der Sprung im gegnerischen Strafraum: von 18,7 auf 31,3 Aktionen pro Spiel. 68 Prozent mehr.

Sechs Spiele sind eine kleine Datenbasis. Aber die Zahlen zeigen eine klare Tendenz: Union schließt nicht nur häufiger ab. Die Mannschaft kommt vor allem deutlich häufiger in den gegnerischen Strafraum.

Auch in den Angriffen werden wiederkehrende Muster erkennbar. Schon gegen Leipzig war immer wieder das Prinzip „tief – klatsch – tief“ zu sehen: vertikal anspielen, ablegen, mit der nächsten Aktion wieder Tiefe gewinnen. In Magdeburg tauchte dieses Muster erneut auf – diesmal gegen einen tiefen Regionalligisten, gegen den Union das Spiel selbst machen musste. Gleichzeitig wurden die Wege zum Tor variabler: über rechts, links, das Zentrum und den Rückraum. Selbst beim Stand von 2:0 forderte Eta mehr Tempo. Ballbesitz soll nicht verwaltet werden. Er soll den nächsten Raum öffnen.

Auch das 2:0 in Stuttgart folgt diesem Gedanken. Schneider trägt den Ball nach vorn, Janssens attackiert die Tiefe, Hausicke stößt aus dem Mittelfeld nach. Drei unterschiedliche Bewegungen, drei Räume. Gerade auf rechts entwickelt sich mit Schneider und Janssens eine interessante Verbindung. Noch kein „Traumduo“ nach zwei gemeinsamen Ligastarts. Aber zwei Spielerinnen, die sich ergänzen, weil sie nicht denselben Raum besetzen.

Das 4:0 zeigte allerdings auch die offene Baustelle. Stuttgart hatte 21 Abschlüsse, Union 18. Beim Stand von 0:2 musste Nadine Böhi zweimal im Eins gegen Eins retten. Geht einer davon rein, wird aus einem klaren Ergebnis schnell ein offenes Spiel.

Das Risiko entsteht aus genau dem Fußball, den Eta entwickeln will: Union verteidigt höher, schiebt mehr Spielerinnen nach vorn und will Ballverluste sofort im Gegenpressing auffangen. Wird die erste Gegenpressingaktion überspielt, muss die Restverteidigung große Räume sichern. Gegen gute Gegner kann dann ein langer Ball reichen. Genau diese Balance beherrscht Union noch nicht durchgehend.

Union kann inzwischen mehr.
Dadurch muss Union aber auch mehr beherrschen.

Nach rund 100 Tagen ist das vielleicht die treffendste Zwischenbilanz. Eta hat Poeses Fußball nicht ersetzt. Pressing, Intensität und Umschalten waren vorher da. Aber die Gewichtung verschiebt sich: höher kontrollieren, unter Druck Lösungen finden, nach Ballgewinnen schneller gefährlich werden, unterschiedliche Räume im letzten Drittel besetzen – und nach Ballverlusten stabil bleiben.

Noch funktioniert das nicht über 90 Minuten. Noch gibt es Ballverluste, aus denen sofort Gefahr entsteht, und Angriffe, die nach gutem Aufbau versanden. Aber die Richtung ist klar.

Und irgendwann?

Vor wenigen Jahren spielten die Unionerinnen noch Regionalliga. Dann kam der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Ein Jahr später der nächste. Heute ist Erstligafußball an der Alten Försterei Alltag. Wer diesen Weg verfolgt hat, weiß, wie vorsichtig man bei dieser Mannschaft mit dem Wort „unmöglich“ sein sollte.

Natürlich ist der Weg an die Spitze noch einmal ein ganz anderer. Niemand sollte aus den ersten 100 Tagen unter Marie-Louise Eta eine Geschichte machen, die noch gar nicht geschrieben ist. Aber Fußball lebt eben auch von dem, was noch nicht realistisch sein muss. Und bei Union gibt es dafür einen ziemlich passenden Gesang.

Ja so eisern wie Granit, so wie einst Real Madrid,
und so zogen wir in die Bundesliga ein
und wir werden auch mal deutscher Meister sein
(Irgendwann!) …

Dieses eine Wort lässt bei Union traditionell ziemlich viel Platz für große Träume. Deutscher Meister mit den Unionerinnen? Das klingt heute ziemlich groß. Vielleicht sogar ein bisschen verrückt. Gut so. Man muss bei Union schließlich nicht jeden Traum zuerst auf seine Wahrscheinlichkeit prüfen.

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Entscheidend ist ohnehin, was auf dem Weg dorthin passiert. Gerade lässt sich einer Mannschaft dabei zusehen, wie sie nach zwei Aufstiegen schon wieder versucht, ihren Fußball auf die nächste Stufe zu bringen. Wie sie neue Lösungen findet, an anderen noch arbeitet und Woche für Woche herausfindet, wie gut sie werden kann.

Vielleicht ist genau das der Reiz: diese Entwicklung nicht irgendwann rückblickend als Geschichte erzählt zu bekommen, sondern sie jetzt hautnah mitzuerleben. Woche für Woche. Spiel für Spiel. Denn sollte dieser große Traum tatsächlich einmal Wirklichkeit werden, hat diese Geschichte nicht an diesem Tag begonnen. Sie läuft längst.

Paul Kneffel · Die Schlosserinnen

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