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Sieg des Willens: Union findet gegen Leipzig eine Antwort – aber noch nicht auf alles

29 Abschlüsse, 13 Ecken, ein starkes Pressing – und trotzdem lag Union nach 71 Minuten 1:2 zurück. Das 3:2 gegen Leipzig zeigt Fortschritte, legt aber auch bekannte Schwächen offen: Im letzten Drittel fehlt weiter die letzte Wucht, und die Minuten unmittelbar nach der Halbzeit entwickeln sich zu einem auffälligen Problem.

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Nach vier Niederlagen zum Saisonstart musste dieser erste Sieg irgendwann kommen. Gegen Leipzig kam er auf eine Art, die ziemlich gut zum bisherigen Saisonverlauf passt. Union war über weite Strecken die bessere Mannschaft, produzierte viel, ließ aber erneut zu viele gute Situationen liegen. Nach der Pause ging der Zugriff verloren, Leipzig drehte die Partie – und nach 71 Minuten stand es 1:2. Dass daraus noch ein 3:2 wurde, ist deshalb die wichtigste Erkenntnis des Abends. Nicht weil plötzlich alles funktionierte, sondern weil Union diesmal auch dann noch Lösungen fand, als der ursprüngliche Plan nicht mehr griff.

Union wusste, was Leipzig spielen wollte

Die erste Hälfte war vor allem ein Erfolg des Matchplans. Leipzig hält seit Jahren ziemlich konsequent an seinem flachen Aufbau fest. Auch unter hohem Druck soll der Ball über Torhüterin und Innenverteidigung kontrolliert nach vorne gebracht werden. Union stellte sich genau darauf ein und rückte von Beginn an extrem hoch.

Auffällig war dabei ein wiederkehrendes Muster: Sobald eine Leipziger Innenverteidigerin den Ball zur Torhüterin zurückspielte, löste sich Delice Boboy aus der Spitze und bewegte sich ins Zentrum. Leipzig suchte sie anschließend mit einem längeren, aber flach gespielten Ball. Das funktionierte kaum. Union hielt die Abstände eng, schob sofort nach und konnte auf diesen Pass reagieren. Selbst wenn Boboy erreicht wurde, fehlte Leipzig häufig die saubere Anschlussaktion.

Das frühe 1:0 passte genau in dieses Bild. Union setzte den Aufbau tief in der Leipziger Hälfte unter Druck, Eileen Campbell kam zum Abschluss, Lia Kamber war beim zweiten Ball da. Kein Zufallsprodukt, sondern die Konsequenz daraus, dass Union Leipzig genau dort attackierte, wo dessen Spiel beginnen sollte.

Interessant ist dabei, dass diese Dominanz kaum etwas mit Ballbesitz zu tun hatte. Leipzig hatte am Ende sogar etwas mehr davon, 51 zu 49 Prozent, und spielte mit 389 zu 346 auch mehr Pässe. Gefährlicher wurde daraus nicht. Union kam häufiger ins letzte Drittel, hatte dort die deutlich bessere Passquote und vor allem viel mehr Präsenz im Strafraum: 43 Ballkontakte zu 17. Im letzten Drittel brachte Union 100 von 137 Pässen an, Leipzig nur 55 von 94. Der Unterschied lag also weniger darin, wer den Ball länger hatte, sondern wo die Mannschaften ihn kontrollieren konnten.

Kamber gibt dem Spiel Wirkung

Vor allem Lia Kamber profitierte davon. Sechs Abschlüsse, ein Tor, ein Lattentreffer und vier Schlüsselpässe zeigen, wie oft sie in gefährliche Situationen eingebunden war. Dazu kamen 0,46 Expected Goals und 0,53 Expected Assists.

Kamber war damit nicht nur die Torschützin zum 1:0. Sie verband gegen Leipzig Dinge, die bei Union zuletzt nicht immer zusammenkamen: Verbindungsspiel und tatsächliche Gefahr. Drei ihrer vier Dribblings gelangen, 18 ihrer 23 Pässe in der gegnerischen Hälfte fanden eine Mitspielerin. Gemeinsam mit Campbell bündelte sich ein großer Teil der Berliner Offensive auf zwei Spielerinnen. Die beiden gaben 14 der 29 Union-Abschlüsse ab und vereinten mehr als die Hälfte der gesamten xG auf sich.

29 Abschlüsse – aber nur eine Großchance

Wer nur auf die Menge schaut, könnte glauben, Union habe Leipzig offensiv überrollt. 29 Abschlüsse, 43 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum, 18 Schüsse innerhalb des Sechzehners, 13 Ecken und 2,29 xG sind starke Zahlen. Nur erzählen sie nicht die ganze Geschichte.

Von den 29 Abschlüssen gingen lediglich neun auf das Tor, 13 verfehlten es, sieben wurden geblockt. Trotz der vielen Aktionen im Strafraum weist der Datensatz nur eine einzige Großchance aus. Das Wirkungsproblem ist damit nicht verschwunden. Union kommt inzwischen durchaus in die richtigen Räume. Was noch fehlt, ist der Schritt von einer guten Angriffssituation zu einer wirklich klaren Torchance. Mal kommt der letzte Pass nicht, mal ist der erste Kontakt nicht sauber genug, mal erfolgt der Abschluss unter Druck oder aus einer Position, aus der nur noch wenig Torgefahr entsteht.

Im Durchschnitt brachte es ein Union-Abschluss auf knapp 0,08 xG. Campbell steht exemplarisch dafür: acht Abschlüsse, vier davon aufs Tor, insgesamt 0,75 xG. Sie war ständig präsent – wirklich frei wurde sie jedoch selten.

Auch eine andere Zahl passt dazu: Leipzig musste 45-mal klären, Union nur 26-mal. Das beschreibt die territoriale Verteilung des Spiels ziemlich gut. Union zwang Leipzig immer wieder tief in die eigene Hälfte und immer wieder dazu, Angriffe zunächst einmal zu beenden. Aus dieser Überlegenheit entstanden aber noch zu selten Situationen, in denen die Leipziger Abwehr wirklich aus dem Spiel war.

Leipzig überspringt das Pressing

Nach der Pause änderte Leipzig vor allem den Weg durch die erste Union-Linie. Die Gäste spielten nun häufiger länger und höher. Damit nahmen sie Union genau das, was in der ersten Hälfte so gut funktioniert hatte: den Zugriff auf die ersten flachen Pässe.

Solange Leipzig über Torhüterin, Innenverteidigung und den flachen Ball auf Boboy eröffnete, konnte Union nach vorne verteidigen. Nach den längeren Bällen musste die Mannschaft plötzlich häufiger in die andere Richtung arbeiten. Die erste Pressinglinie war überspielt, das Mittelfeld musste sich drehen und zurückverteidigen. Gleichzeitig wurden die Abstände bei zweiten Bällen größer, Leipzig bekam mehr Raum für Anschlussaktionen.

Bemerkenswert ist dabei: Union gewann über das gesamte Spiel sogar 10 von 17 Luftduellen. Leipzigs längere Bälle waren also nicht deshalb wirkungsvoll, weil die Gäste plötzlich jedes Kopfballduell gewannen. Ihr Wert lag vor allem darin, die erste Union-Linie zu überspringen. Der erste Ball war nicht zwingend das Problem – das Spiel danach wurde es.

Über 90 Minuten spielte Leipzig 73 lange Pässe, von denen nur 24 ankamen. Gerade einmal 33 Prozent. Union kam bei 55 langen Bällen auf 60 Prozent. Auch das zeigt: Leipzigs Veränderung nach der Pause war weniger eine Frage der Präzision als eine der Struktur. Die Gäste mussten den Aufbau nicht mehr schön lösen. Es reichte, Unions Pressing an der Stelle zu umgehen, an der es zuvor so wirkungsvoll gewesen war.

In der 53. Minute traf Alieke Tuin zum 1:1.

Fünf von elf Gegentoren direkt nach der Pause

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Für dieses Spiel allein wäre der Zeitpunkt kaum bemerkenswert. Im Saisonverlauf ist er es inzwischen sehr wohl. Gegen Bayern kassierte Union Gegentore in der 47. und 60. Minute, Freiburg traf in der 54., Köln in der 50. Nun Leipzig in der 53.

Damit sind fünf der bislang elf Gegentore zwischen der 46. und 60. Minute gefallen. Das sind 45,5 Prozent aller Gegentreffer in einem Zeitfenster, das nur ein Sechstel der regulären Spielzeit ausmacht. In vier der fünf bisherigen Ligaspiele hat Union in diesem Abschnitt mindestens ein Tor kassiert.

Für ein endgültiges Saisonurteil ist die Stichprobe nach fünf Spielen natürlich klein. Für eine Auffälligkeit ist sie inzwischen groß genug. Dabei wäre es zu bequem, einfach von einem Konzentrationsproblem zu sprechen. Gegen Leipzig hatte die veränderte Spieleröffnung des Gegners einen klaren Einfluss, in anderen Spielen lagen teilweise andere Ursachen dahinter. Das wiederkehrende Ergebnis bleibt trotzdem: Union findet nach der Pause bislang auffällig häufig nicht sofort zurück in den Zugriff der ersten Hälfte.

Gegen Leipzig blieb es nicht beim 1:1. In der 71. Minute verlor Union den Ball, Boboy bekam Raum hinter der aufgerückten Mannschaft und traf zum 1:2. Damit war die Partie an einem Punkt angekommen, der aus den ersten Saisonwochen nur allzu bekannt war: viel investiert, gute Phasen gehabt, nicht genug daraus gemacht – und plötzlich führt der Gegner.

Die Antwort kommt nicht aus dem Matchplan

Genau hier war dieses Spiel anders. Samantha Steuerwald hatte bis dahin vor allem das gemacht, was von einer Innenverteidigerin erwartet wird: sieben Klärungen, fünf Balleroberungen, zwei geblockte Schüsse. Dann landete der Ball in der 84. Minute vor ihr. Steuerwald zog ab. Vier Abschlüsse hatte sie in der Partie, zusammen gerade einmal 0,22 xG.

Dieser saß. 2:2.

Union begnügte sich danach nicht mit dem Punkt. Sophie Weidauer hatte nach ihrer Einwechslung gerade einmal 16 Ballkontakte und acht Pässe, daraus aber zwei Schlüsselpässe. Beide Flanken fanden eine Mitspielerin. In der 89. Minute brachte sie Ecke Nummer 13 in den Strafraum. Campbell setzte sich durch und traf mit ihrem achten Abschluss des Abends zum 3:2.

Weidauer hatte das Spiel nicht dominiert. Sie hatte Wirkung. Campbell war zuvor nicht besonders effizient gewesen, blieb aber so lange präsent, bis der nächste Abschluss saß. Und Steuerwald wartete nicht auf die perfekte Chance, sondern nahm die, die sich bot. Genau darin unterschied sich diese Schlussphase von vielem, was Union in den ersten Wochen gezeigt hatte.

Noch nicht auf alles eine Antwort

Das 3:2 ist weder die große offensive Befreiung noch einfach nur ein glücklicher später Sieg. 29 Abschlüsse und nur eine Großchance zeigen, dass das Wirkungsproblem bleibt. Fünf von elf Gegentoren zwischen Minute 46 und 60 sind ebenfalls mehr als eine statistische Randnotiz.

Neu war etwas anderes: Als Leipzig den ursprünglichen Matchplan ausgehebelt hatte und Union 1:2 zurücklag, war das Spiel diesmal nicht vorbei. Union fand keine perfekte neue taktische Lösung, aber einzelne Antworten: Steuerwald aus der Distanz, Weidauer mit wenigen, aber entscheidenden Aktionen, Campbell mit dem nächsten Abschluss.

Nach vier Niederlagen und beim ersten Bundesligasieg unter Marie-Louise Eta ist das vielleicht der wichtigere Fortschritt als jede einzelne Zahl.

Union hat gegen Leipzig noch nicht auf alles eine Antwort gefunden. Aber erstmals in dieser Saison hatte die Mannschaft eine, als ein Spiel zu kippen drohte.

Ein Sieg des Willens.

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